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2.10 Arbeitslosigkeit bei Frauen und Männern
Erwerbslosigkeit ist ein anhaltendes, ja ein zunehmendes Problem in Deutschland. Selbst Phasen der konjunkturellen Erholung und des Aufschwungs führten in den letzten Jahrzehnten nicht mehr zum Abbau von Arbeitslosigkeit. Die Erwerbslosigkeit nahm mit Unterbrechungen seit den 60er-Jahren ständig zu (Abbildung 2.29). Sie hinterlässt deutliche Spuren im Leben der betroffenen Frauen und Männer sowie deren Angehörigen. Einkommverluste zwingen Arbeitslose zum Konsumverzicht und beschränken ihre Möglichkeiten, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Arbeitslosigkeit gehört heute zu den größten Armutsrisiken (Kapitel 3). In einer Gesellschaft, in der sich der Selbstwert von Menschen sehr häufig über ihre berufliche Funktion bestimmt, wird zumindest Langzeitarbeitslosigkeit häufig auch zu einem psychischen Problem.
Beim Statistischen Bundesamt gelten alle Nicht-Beschäftigten, die sich um eine Arbeitsstelle bemühen, als erwerbslos, unabhängig davon, ob sie beim Arbeitsamt bzw. bei einer Arbeitsagentur registriert sind. Als arbeitslos gelten nur Personen, die beim Arbeitsamt gemeldet sind und damit für die Arbeitsvermittlung dort zur Verfügung stehen. Die "tatsächliche" Zahl der Arbeitsuchenden ohne Arbeitsplatz dürfte etwas höher liegen, da es Arbeitsuchende gibt, die sich vom Weg zum Arbeitsamt keine Vorteile versprechen. In diesem Kapitel ist die Rede von Arbeitslosen, wenn die Daten von der Bundesagentur für Arbeit stammen. Werden Zahlen des Mikrozensus verwandt, dann ist die Rede von Erwerbslosen (Statistisches Bundesamt 2003h).
Abbildung 2.29: Arbeitslose Frauen und Männer in Deutschland 1949 bis 2005 (Jahresdurchschnitt in 1.000)
Anmerkungen: 1949 ohne Saarland und Berlin; 1950 bis 1958 ohne Saarland
Bis 1990 beziehen sich die Daten auf das "Frühere Bundesgebiet" (Bundesrepublik Deutschland nach dem Gebietsstand bis zum 03.10.1990) und schließen Berlin-West ein. Ab 1991 beziehen sich die Daten auf das vereinigte Deutschland.
Die Zahlen für 2005 sind der ungewichtete Mittelwert der Einzelmonate Januar bis Mai 2005. Aus der Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe ergeben sich für die Arbeitslosenzahl sowohl erhöhende wie mindernde Wirkungen. Dabei muss zwischen statistischen und realen Effekten unterschieden werden. Daten aus der Sozialhilfestatistik zeigen, dass in einem größeren Umfang erwerbsfähige Sozialhilfeempfänger/-innen bisher vielfach nicht bei den Agenturen für Arbeit arbeitslos gemeldet waren. Dieser Personenkreis wurde in einem weiter gefassten Unterbeschäftigungskonzept bisher überwiegend der Stillen Reserve zugerechnet. Mit der Einführung des Arbeitslosengeldes II werden diese Menschen auch in der Arbeitslosenstatistik erfasst. Damit wird das reale Problem der Arbeitslosigkeit nicht größer, es wird aber statistisch umfassender abgebildet. Zudem werden auch Partner oder Familienangehörige von ehemaligen Arbeitslosenhilfebeziehern dazu angehalten, sich arbeitslos zu melden, wenn Arbeitslosengeld II bezogen wird. Die mit der Einführung des SGB II beabsichtigte einheitliche und bessere Betreuung könnte auf Dauer zu einem realen Rückgang der Arbeitslosigkeit führen. Für die ersten Monate des Jahres ist aber davon auszugehen, dass die erhöhenden statistischen Faktoren überwiegen und die entlastenden, überwiegend realen Faktoren erst später greifen. Bei der Interpretation der Arbeitsmarktzahlen sind diese Zusammenhänge zu beachten (Bundesagentur für Arbeit 2005a).
Quelle: Bundesagentur für Arbeit (www.pub.arbeitsamt.de/hst/services/statistik/detail/d.html vom 08.06.2005); eigene Berechnungen
In Abbildung 2.29 ist die Entwicklung der Arbeitslosigkeit von 1949 bis 1990 für die alten Länder und ab 1991 für Gesamtdeutschland dargestellt. Bis Mitte der 70er-Jahre war der Umfang der Arbeitslosigkeit relativ gering. Danach stieg die Arbeitslosigkeit stufenweise an. Obwohl sich in Westdeutschland die Frauen in viel geringerem Umfang an Erwerbsarbeit beteiligten, stellten sie 1989 fast die Hälfte aller Arbeitslosen. Nach der Vereinigung und dem anschließenden Strukturwandel in den ostdeutschen Ländern wurden in den ersten Entlassungswellen zunächst weibliche Arbeitskräfte freigesetzt, danach zunehmend auch Männer. Inzwischen ist der Umfang der Arbeitslosigkeit bei beiden Geschlechtern nochmals gestiegen. Im Mai 2005 sind nach der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe[73] bei der Bundesagentur für Arbeit 2,2 Millionen Frauen und 2,6 Millionen Männer arbeitslos gemeldet. Der Frauenanteil an allen gemeldeten Arbeitslosen beträgt 44,0 Prozent. Zum Vergleich: Unter allen Erwerbstätigen haben Frauen (Mikrozensus 2004) einen Anteil von 44,8 Prozent. Nach diesen Zahlen geurteilt, tragen weibliche Beschäftigte also kein größeres Risiko, arbeitslos zu werden, als männliche Beschäftigte. Das Risiko der Männer steigt in den letzten Jahren vielmehr überproportional (Abbildung 2.29). Es wird allerdings vermutet, dass es insbesondere unter Frauen eine stille Reserve gibt, die sich nicht (mehr) arbeitslos meldet, weil sie keine Vermittlungschancen sieht und keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld bzw. -hilfe hat.


