Daten des Statistischen Bundesamtes belegen, dass Mädchen im Durchschnitt früher eingeschult werden als Jungen und seltener eine Klasse wiederholen. Im Schuljahr 2003/2004 wurden in Deutschland 9,5 Prozent der Mädchen und 6,2 Prozent der Jungen vorzeitig als so genannte "Kannkinder" eingeschult. Im Vergleich zum Vorjahr stieg dieser Anteil um mehr als ein Drittel. Die Tendenz geht sowohl bei Mädchen (2002/03: 6,7 %) als auch bei Jungen (2002/03: 4,3 %) eindeutig zu einer früheren Einschulung. Fristgemäß wurden 85,9 Prozent der Mädchen und 86,1 Prozent der Jungen eingeschult (2002/03 88 % der Mädchen und 87 % der Jungen). Nur 4,1 Prozent der Mädchen, aber 6,9 Prozent der Jungen wurden verspätet eingeschult. Dieser Prozentsatz ist für Jungen (2002/03: 7,6 %) stärker rückläufig als für Mädchen (2002/03: 4,5 %) (eigene Berechnungen nach: Statistisches Bundesamt 2004b: Tabelle 5.1).
2,5 Prozent der Mädchen sowie 3,4 Prozent der Jungen wiederholten im Schuljahr 2003/2004 eine Klasse. An den Realschulen waren die Wiederholerquoten für beide Geschlechter beinahe doppelt so hoch wie im Durchschnitt aller Schulen. Auch hier waren mehr Jungen als Mädchen betroffen (eigene Berechnungen nach Statistisches Bundesamt 2004b: Tabellen 3.4.1, 3.8.1 und 3.8.2).
Da Kinder, die bei der Einschulung zurückgestellt wurden bzw. die schon in der Grundschule eine Klasse wiederholt haben, geringere Chancen haben, den Übertritt in ein Gymnasium zu schaffen, sind die Chancen, ein Gymnasium zu besuchen, für eine größere Anzahl von betroffenen Jungen ungünstiger.
Mädchen gelingt nicht nur der Übertritt auf das Gymnasium nach der Grundschule häufiger, sie sind darüber hinaus auch häufiger unter den Schulformwechslern in eine "prestigehöhere" Schule zu finden (Bellenberg 1999).
Wie schon aus Abbildung 1.2 zu ersehen ist, besuchen gegenwärtig mehr Mädchen als Jungen ein Gymnasium. Im Gegenzug sind Jungen heutzutage deutlich häufiger als Mädchen an Hauptschulen zu finden.
Tabelle 1.1: Schülerinnen und Schüler in allgemein bildenden Schulen des Sekundarbereichs I im Schuljahr 2004/2005 in fünf ausgewählten Bundesländern (absolut)
1 Schülerinnen und Schüler aller aufgeführten Schularten ohne Freie Waldorfschulen, Abendhauptschulen und Abendrealschulen.
Anmerkung: In allen dargestellten Bundesländern gibt es etwas mehr Schüler als Schülerinnen.
Quelle: Statistisches Bundesamt 2005h; eigene Berechnungen und Darstellung
Da das deutsche Bildungssystem auf Grund der Bildungshoheit der Bundesländer sehr heterogen ist und unter die einzelnen Schularten verschiedene Formen von Schulen fallen, werden im Folgenden exemplarisch fünf Bundesländer herausgegriffen, um die Verteilung von Mädchen und Jungen auf die unterschiedlichen Schularten aufzuzeigen. Ausgewählt wurden die Bundesländer Bayern, Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen, um eine möglichst große Spannbreite struktureller Unterschiede im Schulwesen im Osten, Westen, Norden und Süden der Republik sowie in Stadtstaaten und Flächenstaaten darstellen zu können. Wir untersuchen in einem Querschnitt den Sekundarbereich I[3]. Diese Klassenstufen sind für einen Geschlechtervergleich besonders aufschlussreich, da sich ein Großteil der Schülerinnen und Schüler zu diesem Zeitpunkt schon auf einer weiterführenden Schule befindet, sich aber auch noch alle im allgemein bildenden Schulsystem befinden, was bei einer Betrachtung des Sekundarbereichs II[4] nicht mehr der Fall wäre.
In der folgenden Abbildung 1.3 ist das Verhältnis der Schülerinnen und Schüler des Sekundarbereichs I in allgemein bildenden Schulen nach Schularten für das Land Bayern im Schuljahr 2004/2005[5] zu sehen.
Abbildung 1.3: Anteile der Schülerinnen und Schüler in allgemein bildenden Schulen des Sekundarbereichs I in Bayern im Schuljahr 2004/05 (in %)
1 schulartunabhängige Orientierungsstufe
2 Schularten mit mehreren Bildungsgängen: sind in Bayern nicht vertreten
3 ohne Freie Waldorfschulen, Abendhauptschulen und Abendrealschulen
Quelle: Statistisches Bundesamt 2005h: Schnellmeldung; eigene Berechnungen und Darstellung
In Bayern ist sowohl der Anteil der Hauptschülerinnen als auch der der Hauptschüler höher als in den meisten anderen Bundesländern (siehe Tabelle 1.1). Dagegen gibt es keine Schularten mit mehreren Bildungsgängen und es besuchen vergleichsweise wenige Schülerinnen und Schüler eine integrierte Gesamtschule.
Die Verteilung der Geschlechter auf die verschiedenen Schularten ist in Bayern etwas ausgewogener als im Bundesdurchschnitt. Während der Mädchenanteil am Sekundarbereich I der Gymnasien im Schuljahr 2004/05 bundesweit genau 54 Prozent beträgt (siehe Abbildung 1.2), beträgt er in Bayern 51,8 Prozent. Im Gegensatz dazu liegt der Jungenanteil an Hauptschulen des Sekundarbereichs I bundesweit bei 56,4 Prozent und in Bayern bei 55,2 Prozent. Mädchen sind in Bayern auch in Realschulen und in Integrierten Gesamtschulen etwas stärker vertreten als im Bundesdurchschnitt.
Die folgende Abbildung 1.4 zeigt die geschlechtsspezifische Verteilung auf die Schularten im Sekundarbereich I für Nordrhein-Westfalen.
Abbildung 1.4: Anteile der Schülerinnen und Schüler in allgemein bildenden Schulen des Sekundarbereichs I in Nordrhein-Westfalen im Schuljahr 2004/05 (in %)
1 schulartunabhängige Orientierungsstufe: in Nordrhein-Westfalen nicht vertreten
2 Schularten mit mehreren Bildungsgängen: sind in Nordrhein-Westfalen nicht vertreten
3 ohne Freie Waldorfschulen, Abendhauptschulen und Abendrealschulen
Quelle: Statistisches Bundesamt 2005h: Schnellmeldung; eigene Berechnungen und Darstellung
Ebenso wie in Bayern gibt es in Nordrhein-Westfalen keine Schulen, die mehrere Bildungsgänge vereinen (Abbildung 1.4). Hier besuchen jedoch mehr als 15 Prozent der Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I eine Integrierte Gesamtschule (in Bayern nur 0,2 %) (siehe Tabelle 1.1). Der Anteil der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten beträgt in beiden Bundesländern 32 Prozent. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler an Haupt- und Realschulen im Sekundarbereich I ist in Nordrhein-Westfalen wegen des höheren Gesamtschulanteils entsprechend niedriger.
Auch die geschlechtsspezifische Verteilung auf die unterschiedlichen Schularten der Sekundarstufe I ist in beiden Bundesländern unterschiedlich. Am größten ist der Geschlechterunterschied in Nordrhein-Westfalen in den Hauptschulen; hier sind 57,2 Prozent der Besucherinnen und Besucher Jungen (in Bayern 55,2 %). Relativ ausgewogen ist in Nordrhein-Westfalen der Geschlechteranteil bei den Realschulen und Integrierten Gesamtschulen des Sekundarbereichs I; die Gymnasien werden hier zu 53,2 Prozent von Mädchen besucht.
Die folgenden zwei Abbildungen 1.5 und 1.6 stellen zum Vergleich die Situation in zwei ostdeutschen Bundesländern, Brandenburg und Sachsen dar.
Abbildung 1.5: Anteile der Schülerinnen und Schüler in allgemein bildenden Schulen des Sekundarbereichs I in Brandenburg im Schuljahr 2004/05 (in %)
1 schulartunabhängige Orientierungsstufe
2 Schularten mit mehreren Bildungsgängen: sind in Brandenburg nicht vertreten
3 ohne Freie Waldorfschulen, Abendhauptschulen und Abendrealschulen
4 Hauptschulen: sind in Brandenburg nicht vertreten
Quelle: Statistisches Bundesamt 2005h; eigene Berechnungen und Darstellung
Im Gegensatz zu Bayern und Nordrhein-Westfalen gibt es in Brandenburg keine Hauptschulen (siehe Tabelle 1.1). Die meisten Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I besuchen hier eine Integrierte Gesamtschule, mit deutlichem Abstand gefolgt vom Gymnasium und der schulartunabhängigen Orientierungsstufe. Am seltensten wird in Brandenburg die Realschule besucht. Hier zeigt sich also, wie unterschiedlich der Sekundarbereich I in den ostdeutschen und den westdeutschen Bundesländern strukturiert ist.
In Brandenburg (Abbildung 1.5) zeigt sich ein deutlicherer Geschlechterunterschied im Gymnasialbesuch als im Bundesdurchschnitt. Hier sind 57,1 Prozent der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten weiblich. Dagegen sind in allen anderen Schularten die Jungen stärker vertreten. Am größten ist die Differenz zu Gunsten der Jungen in den Integrierten Gesamtschulen; 55,3 Prozent ihrer Besucherinnen und Besucher sind männlich.
Abbildung 1.6: Anteile der Schülerinnen und Schüler in allgemein bildenden Schulen des Sekundarbereichs I in Sachsen im Schuljahr 2004/05 (in %)
1 schulartunabhängige Orientierungsstufe: ist in Sachsen nicht vertreten
2 ohne Freie Waldorfschulen, Abendhauptschulen und Abendrealschulen
3 Hauptschulen, Realschulen, Integrierte Gesamtschulen: sind in Sachsen nicht vertreten.
Quelle: Statistisches Bundesamt 2005h; eigene Berechnungen und Darstellung
Wie aus Abbildung 1.6 hervorgeht, existieren in Sachsen im öffentlichen Schulsystem des ersten Bildungswegs nur zwei Schularten im Bereich der Sekundarstufe I[6]: Mittelschulen, die in etwa den Schularten mit mehreren Bildungsgängen anderer Bundesländer entsprechen sowie Gymnasien. Zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler besuchen hier eine Mittelschule (siehe Tabelle 1.1).
Auch in Sachsen zeigt sich im Sekundarbereich I die übliche geschlechtsspezifische Verteilung. An den Gymnasien überwiegen mit 54,0 Prozent die Mädchen und an den Mittelschulen mit 53,1 Prozent die Jungen.
Zuletzt wollen wir die Verteilung der Schülerinnen und Schüler auf die allgemein bildenden Schularten des Sekundarbereichs I im Stadtstaat Berlin darstellen.
Abbildung 1.7: Anteile der Schülerinnen und Schüler in allgemein bildenden Schulen des Sekundarbereichs I in Berlin im Schuljahr 2004/05 (in %)

1 schulartunabhängige Orientierungsstufe
2 Schularten mit mehreren Bildungsgängen: sind in Berlin nicht vertreten
3 ohne Freie Waldorfschulen, Abendhauptschulen und Abendrealschulen
Quelle: Statistisches Bundesamt 2005h; eigene Berechnungen und Darstellung
In Berlin sind, ebenso wie in Bayern, alle Schularten mit Ausnahme der Schularten mit mehreren Bildungsgängen im Sekundarbereich I vertreten. Allerdings besuchen die Schülerinnen und Schüler hier andere Schularten häufiger als in Bayern. Während sich in Bayern zum Beispiel weniger als 0,1 Prozent in einer schulartunabhängigen Orientierungsstufe befinden, sind es in Berlin mehr als ein Viertel aller Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I (siehe Tabelle 1.1). Noch vor der schulartunabhängigen Orientierungsstufe liegt in Berlin in der Besuchshäufigkeit das Gymnasium, am seltensten von allen Schularten werden Hauptschulen besucht (von 9,2 % aller Schülerinnen und Schüler).
In Berlin ist der hohe Anteil von Jungen an Hauptschulen (61%) besonders auffallend. (Abbildung 1.7). An den Gymnasien dominieren auch hier (mit 53,8 %) die Mädchen. In allen anderen Schularten sind die Jungen leicht überrepräsentiert.[7]
Da mehr junge Männer als junge Frauen nach dem Erlangen eines mittleren Schulabschlusses in eine betriebliche Berufsausbildung überwechseln, ist der Anteil der jungen Frauen im Sekundarbereich II[8] mit 56 Prozent deutlich höher als im Sekundarbereich I (siehe Abbildung A. 1.1 im Anhang). Junge Frauen verbleiben im Durchschnitt länger im allgemein bildenden Schulsystem als junge Männer und erreichen im Durchschnitt höher qualifizierende allgemein bildende Abschlüsse. Dies wird zum einen damit erklärt, dass Mädchen in der Schule durchschnittlich die Erfolgreicheren sind (siehe auch Kapitel 1.4.2), so dass sie auch die höheren Klassen des Gymnasiums erfolgreicher absolvieren. Andererseits können aber auch Hürden an der ersten Schwelle zur Berufsausbildung - vor allem die für Mädchen im Vergleich zu männlichen Bewerbern geringeren Chancen, eine Lehrstelle zu bekommen - dazu führen, dass sie länger im schulischen Bildungssystem verbleiben.
Abbildung 1.8 zeigt den Einfluss der elterlichen Schulabschlüsse auf den Besuch einer gymnasialen Oberstufe durch die Kinder.
Abbildung 1.8: Ledige Mädchen und Jungen im Alter von 17 und 18 Jahren nach Besuch der gymnasialen Oberstufe3 und höchstem allgemeinem Schulabschluss2 der Eltern/-teile in Deutschland 20041 (in %)

1 Ergebnisse des Mikrozensus - Bevölkerung (Konzept der Lebensformen)
2 Die Beantwortung der Fragen zum allgemeinen Schulabschluss ist für Personen im Alter von 51 und mehr Jahren freiwillig.
3 Klassenstufen 11 bis 13
4 einschl. Abschluss der allgemein bildenden polytechnischen Oberschule der ehemaligen DDR
Anmerkung: In die Auswertung einbezogen wurden Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 11 bis 13.
Lesehilfe: 22,1 Prozent der Mädchen und 14,9 Prozent der Jungen, deren Eltern/-teile über einen Haupt- oder Volksschulabschluss verfügen, besuchen die gymnasiale Oberstufe. Verfügen die Eltern/-teile dagegen über die (Fach-)Hochschulreife, besuchen 66,2 Prozent der Mädchen und 55 Prozent der Jungen die gymnasiale Oberstufe.
Datenbasis: Mikrozensus
Quelle: Sonderauswertung
Aus Abbildung 1.8 ist zu erkennen, dass das Niveau der elterlichen Schulabschlüsse einen größeren Einfluss auf den Besuch der gymnasialen Oberstufe hat als das Geschlecht. Je höher der allgemeine Bildungsabschluss der Eltern ist, desto häufiger besuchen ihre Söhne und Töchter die gymnasiale Oberstufe. Aber auch das Geschlecht der Jugendlichen spielt eine unübersehbare Rolle. Während im März 2004 40,1 Prozent der 17- bis 18-jährigen Mädchen eine gymnasiale Oberstufe besuchten, waren es nur 29,8 Prozent der gleichaltrigen Jungen. Unabhängig vom höchsten allgemeinen Schulabschluss der Eltern besuchen Mädchen in jedem Fall häufiger die gymnasiale Oberstufe als Jungen.
Aus Kapitel 1.4.1 wird ersichtlich, dass Mädchen ihre Schullaufbahn im Durchschnitt früher als Jungen beginnen, dass sie seltener eine Klasse wiederholen und dass sie, egal in welchem Bundesland, häufiger als diese das Gymnasium besuchen.
[3] Klassenstufen 5 bis 10.
[4] Klassenstufen 11 bis 13.
[5] Werte berechnet nach Schnellmeldung des Statistischen Bundesamtes.
[6] In Sachsen besuchen darüber hinaus ein paar hundert Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I Freie Waldorfschulen oder Abendrealschulen, die in diesem Zusammenhang und auf Grund der geringen Fallzahlen nicht von Interesse sind.
[7] In Berlin liegt der Anteil der männlichen Schüler im Sekundarbereich I mit 51,2 Prozent generell über dem Bundesdurchschnitt von 50,7 Prozent.
[8] Sekundarbereich II: Klassenstufen 11 bis 13 des allgemein bildenden Schulsystems.