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4. Die familialen Wandlungstendenzen als Orientierung und Ansatzpunkt für Familienbildung
Der soziale Wandel von Familie in der Gegenwart ist das beherrschende Thema in der soziologischen, psychologischen und familienpolitischen Literatur der letzten drei Jahrzehnte gewesen, wobei pessimistische Sichtweisen von Familie als in der Krise, als Auslaufmodell oder als Deinstitutionalisierungsprozess überwogen.
Dabei wird vielfach übersehen, dass der soziale Wandel von Gesellschaft und ihrer Teilbereiche, wie der Familie, an sich keine neue historische Erfahrung darstellen: historische Rückblicke zeigen uns vielmehr, dass sozialer Wandel ein permanenter und kontinuierlicher Prozess gewesen ist. Und auch die Auswirkungen des gegenwärtigen, technologisch ausgelösten Wandels auf andere gesellschaftliche Bereiche, wie sie U. Beck bereits 1986 für die derzeitigen Wandlungsprozesse beschreibt, ist an sich keine neue historische Erfahrung, denn immer schon haben wirtschaftliche Wandlungsprozesse, technologische Innovationen und Erfindungen soziale Auswirkungen nach sich gezogen. Erinnert sei hier etwa an die sozialen Umwälzungen als Folge der ersten industriellen Revolution mit der Herausbildung neuer Berufe und sozialer Klassen, der Beschleunigung der Verstädterungsprozesse, der Auflösung der vorindustriellen Lebens- und Wirtschaftsformen ("Das Ganze Haus"), der Durchsetzung gesellschaftlicher Bewertungskriterien von Arbeit und Entlohnung nach dem Prinzip der individuellen Leistung.
Ob selbst die "bürgerliche Familie" eine Folge dieser industriellen Revolution ist oder aber eine der notwendigen Voraussetzungen für ihre Entfaltung war, ist umstritten, jedenfalls ist erst seitdem unser vertrautes Familienbild der bürgerlichen oder Kernfamilie soziale Realität.
Deutlich wird im historischen Rückblick, dass auch Familie - wie alle anderen sozialen Institutionen - sich in ihren Lebens- und Organisationsformen stets verändert hat. So verweist Kaufmann (1995, S. 8) darauf, dass selbst die elementare und nahezu universelle biologische Grundstruktur von Familien sich unter verschiedenen gesellschaftlichen Bedingungen kulturabhängig ausformt, etwa abhängig von geltenden Wertvorstellungen, der binnenfamilialen Arbeitsteilung und den gesellschaftlichen Wirtschaftsformen. Jüngste medizinische Entwicklungen, wie die künstliche Befruchtung werden nun selbst die an die biologischen Funktionen gebundenen Vorstellungen von Familie verändern.
Neu ist an den gegenwärtig ablaufenden gesellschaftlichen Wandlungsprozessen vor allem, dass sie stark beschleunigt ablaufen: Veränderungen, die sich früher über Generationen erstreckten (intergenerative Veränderungen), vollziehen sich jetzt in der jeweils selben Generation (intragenerative Veränderungen). Dies führt nicht nur dazu, dass jeder Einzelne in seinem Leben wiederholt zu Verhaltensänderungen bereit sein muss, sondern verändert auch die Bedeutung des Lernens von der jeweiligen Elterngeneration, die Rolle der eigenen Eltern als "Vorbilder" und die Übernahme von deren Verhaltensweisen. Diese raschen Veränderungen zeigen sich etwa im raschen Rückgang der religiösen Bindungen und Wertorientierungen ("Säkularisationsprozess"), aber auch in neuen Lebensformen, wie nicht-eheliche Lebensgemeinschaften.
Für die Familienbildung - aber insbesondere für die Vermittlung von Verhaltensweisen in den vorausgehenden Sozialisationsprozessen - bedeutet dies, das Augenmerk mehr auf die Vermittlung basaler Kompetenzen als auf die Vermittlung von spezifischen Verhaltensweisen zu legen: die Kompetenzen zur Reflexivität von Verhalten und die flexible situationsabhängige Anwendung und Übertragung zugrundeliegender Wertvorstellungen gewinnen hier an Bedeutung.
Hieraus erwächst der Familienbildung auch eine besondere Bedeutung: neben der Vermittlung von Einsichten in die sich verändernden Lebenssituationen, liegen ihre Funktionen gerade auch in dem Angebot der "Verortung", der Ausdeutung von Veränderungen, der Vermittlung von Konsequenzen für die individuelle Lebensführung.
Die Vielfalt gegenwärtiger Wandlungsprozesse von Familien lassen sich zumindest in fünf Dimensionen zusammenfassen:
In den Veränderungen von familienbezogenen Wertvorstellungen und Leitbildern ("Individualisierungsthese")
In den Veränderungen von Familienformen ("Pluralisierungsthese")
In den Veränderungen der Arbeitsteilung und den sozialen Rollen in Familien
In einem unterschiedlichen Verlauf über den Lebenslauf hinweg ("Familiendynamik")
In den Veränderungen der sozialen Einbettung von Familien ("soziale Netzwerke")


