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10. Zusammenfassung und Perspektiven

In den vorangehenden Kapiteln konnte gezeigt werden, dass Familienbildung als Folge von Strukturveränderungen und -umbrüchen auf gesellschaftlicher, familialer und individueller Ebene an Bedeutung gewonnen hat und bei deren Fortgeltung eine wichtige Instanz für die gesellschaftliche Weiterentwicklung, die Ausgestaltung der Gemeinwesen sowie für die Lebensführung und -gestaltung sowie für die Lebensqualität von Eltern, Kindern und Familien bleiben wird.

Zentrale Prozesse der gegenwärtigen strukturellen gesellschaftlichen und familialen Entwicklung lassen sich zusammenfassend als Prozesse der "Enttraditionalisierung" (Beck) beschreiben. Diese Modernisierungsprozesse besagen, dass das Traditionelle, Gewohnte und Hergebrachte nicht mehr bestimmend sind für die Organisation und das Funktionieren des gesellschaftlichen Zusammenlebens; sie werden abgelöst durch neue Muster und Prozesse, die nicht mehr "ererbt", sondern von jeder Generation neu erworben werden müssen. Was aber nicht mehr selbstverständlich ist, bedarf der Vermittlung, der Aneignung und des Lernens.

Dieser Strukturwandel kann an vielen Facetten festgemacht werden, etwa anhand des Bedeutungsrückgangs religiös begründeter Werte und kirchlicher Bindungen, aber auch an dem Entstehen neuer Lebensformen und Familienmuster, wie der Pluralisierung von Lebensformen, an dem Bedeutungszuwachs, der dem Einzelnen zukommt (Individualisierungstendenz). Andere Entwicklungen führen zu neuen Rollenanforderungen und -widersprüchen, wovon besonders Frauen und Mütter betroffen sind: auf sie richten sich gleichermaßen traditionelle Anforderungen an Mutterschaft, Sorge für den menschlichen Nachwuchs und die Gewährleistung seiner Erziehung sowie für die primäre Haushaltsverantwortlichkeit, als auch veränderte Anforderungen und Erwartungen an eine berufliche Tätigkeit, die Notwendigkeit zu ihrer eigenen wirtschaftlichen Absicherung und Selbständigkeit. Einher gehen diese Prozesse mit einer abnehmenden Geltung von hergebrachten Abstammungs- und Generationsbeziehungen sowie neuen Vergemeinschaftungsformen.

Das Entstehen der internationalen Güterproduktion und Märkte stellen hohe Anforderungen an die berufliche Flexibilität und regionale Mobilität von Einzelnen und Familien, die aber zugleich die örtliche Bindung und die Partizipation an lokalen Netzwerken und Gemeinschaftsformen beeinträchtigen. Internationale Zusammenarbeit und Zusammenschlüsse, aber auch wirtschaftliche Ungleichheit und politische Spannungen führen zur Zuwanderung von Migrantenfamilien mit sehr unterschiedlichen religiösen, kulturellen und sozialen Erfahrungen und Traditionen, die es in unsere Aufnahmegesellschaft zu integrieren gilt.

An die Stelle von traditionellen Selbstverständlichkeiten haben Lern- und Aneignungs­prozesse zu treten; damit gewinnen die gesellschaftlichen Bildungs- und Partizipations­chancen ihre zentrale Bedeutung, denn sie entscheiden über die sozialen Entfaltungs- und Existenzmöglichkeiten des Einzelnen. Die Forderung nach lebenslangem Lernen ist das wörtlich zu nehmende Paradigma von Familienbildung, weit umspannender als etwa die beruflich orientierte Aus- und Weiterbildung von Erwachsenen.

Entwicklungspsychologische Forschungsergebnisse verweisen darauf, dass die Weichen für die späteren Lernchancen und die Partizipation in unseren Bildungssystemen sehr früh gestellt werden durch die Förderung des kindlichen Lernpotentials, durch Lernmotivation und Persönlichkeitsentwicklung; gerade Eltern haben hier den ersten Zugang und stellen die wichtigsten Bezugs- und Vermittlungspersonen innerhalb des Sozialisationsprozesses dar.

Familien in ihren heutigen vielfältigen Erscheinungs- und Organisationsformen sind aber auch für die späteren Lebensphasen ein wichtiger und eigenständiger Lernort für Kinder und Jugendliche, in dem sie soziale Bindung, Vertrauen und Wertschätzung erleben, sie soziales Verhalten, Verantwortungsbewusstsein und Gemeinschaftsfähigkeit erlernen sollten. Orientierung muss die Stärkung von Eigenverantwortung, von Urteilsfähigkeit und die Fähigkeit zur selbstverantworteten Lebensführung von Eltern, Kindern und Jugendlichen sein. Es soll aber für die Eltern auch ein wichtiger Ort ihrer persönlichen Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen, für ihre soziale Identität, ihre sozialen Kontakte und ihre physische und psychische Regeneration sein.

Hieraus ergeben sich für die Familienbildung folgende Aufgaben:

  • Unterstützung und Befähigung von Eltern zur Entwicklungsförderung ihrer Kinder

  • Durch Bildungs-, Beratungs- und Freizeitangebote Eltern zu ermöglichen, die Auseinandersetzung mit den eigenen Wertvorstellungen  zu fördern, ihre erzieherischen Kompetenzen zu steigern und erzieherische Verantwortung besser wahrzunehmen sowie die Lebensqualität von Familien zu verbessern

  • Gesellschaftliche Partizipationsmöglichkeiten zu erweitern und die Gemeinschaftsfähigkeit von Eltern und Kindern zu steigern

  • Verbesserung der sozialen Infrastruktur für Familien, die öffentliche Vertretung von Interessen für Familien, Eltern und Kinder insbesondere in den Kommunen, in den Betreuungs- und Bildungseinrichtungen, in den Angeboten der Jugendhilfe.




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