Vorwort
Sehr geehrte Damen und Herren,
geht es um die Zukunft unseres Landes, können wir die Perspektiven auf einen Nenner bringen: Wir brauchen mehr Kinder in den Familien und wir brauchen mehr Familie in unserer Gesellschaft. Familien sind die aktive und soziale Mitte unserer Gesellschaft. Jedoch werden immer weniger Kinder geboren. Uns allen wird immer klarer, welche gravierenden sozialen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen mit den demografischen Veränderungen einhergehen. Ziel der Bundesregierung ist deshalb, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, damit junge Menschen - so wie sie es wollen - sich für Kinder und Familie entscheiden können.
Die Ressource Familie ist erschöpflich, für ihre Zukunft in unserer modernen Gesellschaft gibt es eine gemeinsame Verantwortung, so das Fazit des 7. Familienberichts, den die Bundesregierung im April dieses Jahres vorgelegt hat. Der Bericht, von einer interdisziplinären Sachverständigenkommission unter Leitung von Prof. Dr. Hans Bertram (HU Berlin) erarbeitet, behandelt zentrale Themen rund um die Zukunft von Familie.
In einer international analysierenden Perspektive werden die Verhältnisse in Deutschland mit Entwicklungen in anderen vergleichbaren Ländern kontrastiert. Dieser europäische Blickwinkel ermöglicht Gemeinsamkeiten in der Entwicklung von Familie zu verdeutlichen, gleichzeitig aber auch Defizite in der deutschen Entwicklung aufzudecken und Lösungen aufzuzeigen. Der Bericht hat eine neue Perspektive der Familienpolitik entwickelt. Der über Jahrzehnte geläufigen Gegenüberstellung von Geldleistungen für Familien und Infrastrukturförderung setzt er das Konzept der nachhaltigen Familienpolitik entgegen und hebt darin den hohen Stellenwert von Zeitpolitik für Familie heraus. Ziel muss es nach Ansicht der Berichtskommission sein, der nachwachsenden Generation zu ermöglichen, in die Entwicklung und Erziehung von Kindern zu investieren, Generationssolidarität zu leben und Fürsorge für andere als Teil der eigenen Lebensperspektive zu interpretieren.
Der 7. Familienbericht stützt nachdrücklich die eingeleitete Neuausrichtung der Familienpolitik. Um Familie zu bewahren, haben wir begonnen, in der Politik umzusteuern, hin zu einem abgestimmten Politikmix. Familien brauchen Einkommen, Infrastrukturen und Zeit. Wir richten die finanzielle Förderung von Familien neu aus: mit dem Elterngeld, das zum 1. Januar 2007 unser derzeitiges Erziehungsgeld ablösen wird, und mit der verbesserten steuerlichen Absetzbarkeit von Kinderbetreuung. Wir werden Infrastrukturen und Dienstleistungen für Familien ausbauen. Neue Aspekte der Familienförderung sind bereits als Bestandteile des milliardenschweren Paktes "Wachstum und Beschäftigung" beschlossen worden.
Der Familienbericht wie der Koalitionsvertrag geben uns auf, die Gesamtheit unserer Familienförderung zu sichten und zu prüfen. Deutschland gibt vergleichsweise viel Geld für Familien aus. Dieses viele Geld hat in Deutschland jedoch bei Kriterien wie Geburtenrate, Frauenerwerbstätigkeit oder Armutsquote zu unbefriedigenden Ergebnissen geführt. Andere Länder sind erfolgreicher. Ein interdisziplinär arbeitendes "Kompetenzzentrum für Familienleistungen" wird uns ab Ende September bei der Systematisierung und Wirkungsanalyse unterstützen.
Ausbildung, Berufsstart und Familiengründung sind in Deutschland mehr als in anderen Ländern in einer sehr kurzen Lebensphase zusammengepresst. Notwendig ist eine neue Balance zwischen Familie und Berufsleben, sowohl im Alltag als auch in den verschiedenen Phasen des Lebenslaufs. Familienfreundlichkeit verlangt also nicht nur finanzielle Entlastung und eine gute Infrastruktur in der Kinderbetreuung, sondern auch eine Entzerrung von Lebensläufen. Gemeinsam mit der Wirtschaft wollen wir die Arbeitswelt familienbewusster gestalten und so mehr Zeit für Familie ermöglichen.
Der Bericht betont die gemeinsame Verantwortung für die Zukunft von Familie - die Verantwortung von Bund, Ländern und Kommunen, von Unternehmen wie von Gewerkschaften. Diese Verantwortung wird zunehmend erkannt. Das Beispiel der Lokalen Bündnisse für Familie, im Familienbericht besonders hervorgehoben, belegt auch hier den Perspektivenwechsel eindrucksvoll. Lokale Bündnisse gibt es heute in allen Regionen Deutschlands. In zweieinhalb Jahren hat sich die Initiative, die von meinem Ressort ausgeht, mit bemerkenswerter Dynamik zu einem Erfolgsmodell entwickelt.
Mit Mehrgenerationenhäusern greifen wir die Perspektive des Berichts auf, dass Familienfreundlichkeit nur durch eine neue Integration zwischen Familien, Gemeinden, Arbeitsorten und Nachbarschaften gelingen kann. In Mehrgenerationenhäusern sollen Angebote neu verknüpft werden: Unterstützungsleistungen für ältere Menschen ebenso wie ein kompetentes Netzwerk an Dienstleistungen für junge Familien. Mit Mehrgenerationenhäusern, deren Entstehen wir mit Beginn dieses Jahres in allen Kreisen und kreisfreien Städten fördern, entwickeln wir das Prinzip der Großfamilie neu.
Es ist ein Novum, dass Vorschläge eines Familienberichts so schnell von der Politik aufgegriffen und in konkretes familienpolitisches Handeln umgesetzt werden. Dieser Ansatz liegt schon in seiner dialogorientierten Erarbeitung begründet. Darüber hinaus enthält der Bericht eine Fülle an Ideen, die noch intensiv diskutiert werden.
Ich empfehle Ihnen diesen Bericht deshalb als interessante Lektüre in der Überzeugung, dass wir uns über die Gestaltung von Familienpolitik auf allen Ebenen und in allen Bereichen intensiv austauschen und verständigen werden, um gemeinsam die notwendigen politischen Weichen für die Zukunft von Familien zu stellen.

Ihre
Ursula von der Leyen
Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
