VIII. Zukunftsszenarien
Eine nachhaltige Familienpolitik versucht als Lebenslaufpolitik Möglichkeiten zu schaffen, in einem sehr viel längeren Leben, das den meisten Menschen heute vergönnt ist, die klassische Dreiteilung des Lebenslaufs in Kindheit und Jugend als Bildungsphase, das Erwachsenenalter als Berufs- oder Familienphase und das Rentenalter als Freizeitphase, zu überwinden.
Durch Zerlegung in nicht unbedingt chronologisch aufeinander folgende Phasen wird die bestehende "Rushhour des Lebens", gekennzeichnet durch die Gleichzeitigkeit von Familiengründung und Berufsstart, entzerrt. Zeit für andere gesellschaftlich wichtige Aufgaben kann ebenfalls dadurch gewonnen werden.
Eine Öffnung des traditionellen Lebenslaufs ist durch die Einführung so genannter "Optionszeiten" nach dem Vorbild der Erziehungszeit möglich. Optionszeiten können sein: Erziehungs-, Bildungs- oder Pflegezeit oder auch andere Formen sozialer Arbeit. Das Optionszeitenmodell zielt auf die Normalisierung von Unterbrechungen der Erwerbsverläufe ab. Familien-, Nachbarschafts- und Bildungsengagement sollen nicht zum Nachteil im Erwerbsverlauf und Rentensystem werden. Das Ziel ist, ein geschlechtsneutrales Modell zu entwickeln. Die Einführung von Optionszeiten sollte verpflichtenden Charakter haben, um Unterbrechungen der Erwerbsarbeit zu entstigmatisieren.
Eine nachhaltige Familienpolitik umfasst auch die ökonomische Situation von Familien mit Kindern sowie von Familien mit Fürsorgeleistungen. Auf der Ebene der kommunalen Politik müssen Familien nicht länger nur als Empfänger von Leistungen, sondern im Gegenteil als "Investoren" gesehen und auch so behandelt werden. Diese Bemühungen und Investitionen werden auf Dauer nicht nur den Familien und den Kindern zugute kommen, sondern auch den Kommunen selbst. Zu den zentralen Eckpunkten gehört eine lebenslauforientierte Wohnungs- und Sanierungspolitik ebenso, wie die Bereitstellung einer bedarfsgerechten Infrastruktur für Familien.
Der Maßnahmenkatalog deutscher Familienpolitik ist unüberschaubar und intransparent. Deshalb ist eine langfristige Zielorientierung notwendig, die verhindert, dass Familienpolitik nicht länger aus einer Vielzahl von Einzelmaßnahmen besteht, deren Effizienz in der Regel nicht nachgeprüft wird. Finanzielle Leistungen für Familien sollten sich insbesondere auf jene Familienphasen beziehen, in denen ein besonderer finanzieller Bedarf zu erkennen ist. Die Einführung eines einkommensabhängigen Elterngelds ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Die Gründung einer eigenständigen und in weiten Teilen selbständigen Institution, nach dem Vorbild der französischen "Familienkasse", gewährleistet eine nachhaltige Finanzierung familienbezogener Leistungen, mit der sich auch die Transparenz familienbezogener Leistungen erhöhen ließe.
Gliederung des Kapitels
VIII.1. Einleitung: Zukunftsszenarien nachhaltiger Familienpolitik
VIII.2. Zukunftsszenarium: Lebenslauf und Alltagszeit
VIII.3. Zukunftsszenarium: Eltern als Investoren in den sozialen Nahraum und die gesellschaftliche Entwicklung
VIII.4. Zukunftsszenarium: Finanzielle Transfers im Lebenslauf
VIII.5. Szenarien zukünftiger Forschung
