III. Familie und Wandel
Familienkonzepte und die Lebensläufe von Frauen und Männern sind miteinander verwoben und eingebettet in gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Der Wandel dieser gesellschaftlichen Rahmungen betrifft die Familie als Ganzes ebenso wie die Lebensläufe ihrer Mitglieder.
Eines der hoch kontroversen Themen im Zusammenhang mit Familie ist die Verbindung von Berufs- und Familienarbeit im Lebenslauf der Geschlechter. Seit Ende des zweiten Weltkriegs hat sich in der Bundesrepublik eine Veränderung vollzogen, die ganz vorrangig Ergebnis der zunehmenden Erwerbsorientierung der Frauen ist. Angesichts des Wandels in den Formen des Zusammenlebens, die seit den 70er Jahren als Umbrüche erkannt wurden, hat die Bundesrepublik eher die Chance verpasst, eine beide Geschlechter in ihren Optionen berücksichtigende Familienpolitik zu stärken und bei der Unterstützung von Familie stärker die Belange ihrer Mitglieder und weniger die Dependenzverhältnisse zwischen ihnen zu fördern.
Das deutsche "Lebenslaufregime" ist sehr viel stärker als etwa im anglo-amerikanischen Raum um den Arbeitsmarkt herum angelegt. Die Abschnitte und Zäsuren im Lebenslauf gliedern sich in eine auf Erwerbsarbeit vorbereitende Bildungsphase, die je nach Bildungsniveau unterschiedlich viel Lebenszeit in Anspruch nimmt und anschließend in Beschäftigungsniveaus führt. Diese Regeln haben die Familienphase allerdings nur für den Familienernährer gut in den Bildungs-, Erwerbs- und Rentenbezug eingepasst. Für Frauen schert Familie noch immer aus der Durchreichlogik der Institutionen aus und verlangt Verschiebungen in den bis dahin entwickelten Prioritäten. Dieses Lebenslaufregime erweist sich deshalb als besonders problematisch, weil es zur Irreversibilität einer einmal getroffenen Entscheidung beiträgt.
Ebenso bedeutsam wie die Betrachtung der Arrangements zwischen Partnern bezüglich der Verschränkungen von Erwerbs- und Familienarbeit sind Strukturveränderungen auf dem Arbeitsmarkt, die die Chance, eine Haupternährerrolle einzunehmen, mitbestimmen. Männer wie Frauen treffen heute auf einen instabilen Arbeitsmarkt, der vor allem in den ersten Jahren zu Betriebs- und Berufswechseln führen kann. Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich die Frage, ob die Orientierung am Ernährermodell als Leitbild der 60er Jahre, aber auch am Ernährer- Zuverdienermodell der 80er Jahre aufgegeben werden sollte/ müsste. Die Existenzabsicherung der Familie scheint am besten durch zwei im Arbeitsmarkt verankerte Personen gesichert, die sich zugleich die Familienarbeit teilen und untereinander koordinieren. Ein solcher Perspektivenwechsel bedeutete familienpolitisch zugleich, ein modernisiertes Konzept von Elternschaft in jenen Institutionen voranzutreiben, die Bildungs-Lebensphasen strukturieren.
Wissenschaftlichen Erkenntnissen über den je eigenständigen Wert von professioneller Pflege und von Angehörigenarbeit für die Förderung von Familienmitgliedern wird in Deutschland wenig Raum gegeben. Zugleich nimmt die öffentliche Aufmerksamkeit für familiale Pflegearbeit aufgrund erwarteter Pflegeengpässe zu. Professionelle Pflege entlastet nicht nur pflegende Angehörige, sondern hat, wenn die entsprechende Zeit und Kompetenz vorliegt, auch eine von Familienmitgliedern nicht erstellbare Qualität. Neue Formen des Zusammenwirkens von Familie und professionellen Dienstleistungen sind als wichtige Zukunftsaufgabe zu verstehen.
Gliederung des Kapitels
III.1. Zeitrahmen - Perspektiven
III.2. Ungleichzeitigkeiten
III.3. Strukturbrüche: Beschäftigungschancen, Bildungsexpansion und der Individualverlauf
III.4. Alles unter einem Dach? Der Wandel familialer Arbeit
III.5. Friktionen heute - Zukunft von Familie als dynamischer Prozess auf vielen Schultern
