HÖR MAL HIN - WOHIN?
EINFACH HINHÖREN - WOHIN?
NA DA WO ES HERKOMMT!
ABER ICH WEISS DOCH NICHT WOHER
Eine Bushaltestelle. Zwei Menschen. Beide sind genervt voneinander. Totenstille. Kommunikation nur über Blicke. Im gesamten Film wird kein Ton gesagt. Was dem Zuschauenden klar werden soll, ist, dass die durch den ganzen Film gezogene Linie von Geräuschen auch nicht am Ende gebrochen wird und so das Erzählende von Schnitt und Bild übernommen wird.
»... in keinem anderen [...] Bereich ist wohl die Dunkelziffer [...] so hoch«
Der Kurzfilm behandelt in 4:30 Min. Themen wie Courage und sexuelle Gewalt gegenüber Kindern. Er versucht, mit viel Geduld und dem Spiel von Wahrnehmungen dem Zuschauenden klarzumachen, dass dieses Thema oft umgangen wird, obwohl es auch innerhalb von, nach außen normal erscheinender, Familien stattfindet. Sexuelle Gewalt gegenüber Kindern ist in Deutschland 2003 allein in 15.430 erfassten Fällen aufgetreten. Doch in keinem anderen Deliktsbereich ist wohl die Dunkelziffer, d.h. die Zahl der nicht erfassten und unentdeckten Taten, so hoch wie hier. Es ist nicht vermessen, von über 50.000 zu sprechen, wenn die Zahl der erfassten Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung schon über 50.000 beträgt und auch nicht vermessen, darauf hinzuweisen, dass die meisten Fälle gar nicht an die Öffentlichkeit gelangen, da sie oft in unscheinbaren familiären Verhältnissen geschehen.
»Was am Ende bleibt, ist die Ohnmacht.«
Mitten in Diskussionen stelle ich mir meistens ungefähr in der Mitte immer dieselbe Frage: Was bringen sie? Bei sozialkritischen Themen helfen sie den Betroffenen, über die diskutiert wird, nicht, sie machen die Hungernden nicht satt und stillen die Durstigen nicht. Bei politischen Diskussionen ändern sie nicht die Politik, über die diskutiert wird, oder bringen neue Gesetze hervor. Was am Ende aber bleibt, ist die Ohnmacht, hilflos zu sein, nichts verändern zu können und eben nur darüber zu diskutieren.
In einer Diskussion mit Freunden landeten wir bei einer Thematik, über die man heutzutage fast monatlich etwas hört, liest und in den Nachrichten sieht, was man aufnimmt, nicht richtig an sich ranlässt, weglegt mit dem Titel »Verarbeitung später« und dann bis zur nächsten Meldung vergisst.
Der Meldung eines weiteren vermissten Kindes
Aus dieser Diskussion aber ging ich mit dem festen Willen heraus, dieses Mal genau diese Wut und dieses Unverständnis, welches sich in unserem Kreis breit machte, irgendwie festzuhalten. Ich wollte es sich nicht beruhigen lassen, sondern versuchen, mich und das, was in mir vorging, anderen deutlich zu machen. Ich setzte mich noch am selben Abend hin und schrieb erste Ideen zum Drehbuch für Seh-Stumm.
Am Anfang war eine 5-seitige Erläuterung
Die Rolle eines jungen Mannes und eines älteren Herren waren zu besetzen, in mehreren Gesprächen ging ich mit einem Freund - dem Darsteller des jungen Mannes - die zu drehenden Einstellungen durch und ließ ein Aufnahmegerät laufen, damit man beliebig oft auf solch eine Art des Vordrehs im Kopfe zurückgreifen kann. Ich schrieb eine rund 5-seitige Erläuterung der Vorgeschichte beider Personen, obwohl sie in den Einstellungen des eigentlichen Films keine Rolle spielten, dennoch half es den Darstellern, sich auf ihre Person einzulassen und ihrer eigens verkörperten Stimmung besser Ausdruck zu verleihen.
Nächstes Ziel war es, eine geeignete Location zu finden; in diesem Fall ein abgelegenes Wartehäuschen. Nachdem rein formell nichts mehr ausstand, mietete ich auf eigene Kosten das Equipement und drehte innerhalb von drei Tagen alle Einstellungen ab. Im Wettlauf mit der Zeit wurde ich in der Nacht vor dem Premierentag mit dem Schneiden des Filmes fertig und kannte als Einziger die geschnittene Fassung, was einen gewissen Druck ausübt, da man sich nicht an Reaktionen messen kann und dieser Film vor allem mit einer gewissen provokativen Idee jongliert, mit der nicht jeder umgehen kann oder vielleicht auch möchte.
»... aber als ich ihn sah, empfand ich, dass auch andere ihn sehen sollten.«
Der Film wurde einem breiten Publikum gezeigt und die Reaktionen überraschten mich vollkommen. Mehrere Personen kamen nach dieser Vorstellung auf mich zu und ermutigten mich, weiter mit solch einer Art Film Menschen zu erreichen. All dieses motivierte mich, weitere Initiativen zu ergreifen und so kam ein Kontakt zu der Heinrich Böll Stiftung Niedersachsens, über welche man diesen Film beziehen kann, sowie zu dem Religionspädagogischen Institut Loccum zustande, wo dieser Film für Lehrerfortbildungen eingesetzt wird. Er lief auf einigen Kurzfilm-Festivals, bei denen ich mich beworben hatte, und konnte auf dem Luksuz Film Festival auch seine erste internationale Auszeichnung holen, für die beste sozial-kritische Idee.
Bei einem bundesweiten Treffen aller Gauß-Schulen präsentierte meine derzeitige Schule ihre Arbeiten u.a. mit diesem Film. Der Initiator dieser Veranstaltung ergriff das Mikrofon und fragte mich direkt nach dem Film sichtlich erschrocken und entsetzt, was nun der Sinn und Zweck dieses Films sei. Was er mit dem Thema Gauß gemeinsam hätte. Noch bevor ich etwas sagen konnte, nahm mein Lehrer das Mikrofon und sagte ruhig: »Nichts, der Film hat nichts mit Gauß zu tun, aber als ich ihn sah, empfand ich, dass auch andere ihn sehen sollten.«
»Wer, wenn nicht wir [...]?!«
Aus diesem Projekt habe ich so auch vieles mitnehmen können und ich könnte noch ein paar Seiten hinzufügen, das Wichtigste aber ist, so glaube ich, dass ich mich mit diesem Film nicht der harmoniebedürftigen Medienlandschaft gebeugt habe, sondern ehrlich meine Sichtweise offenbart habe, und wenn ehrlich eben in diesem Fall provokativ mit einschließt, eben auch provokativ.
Man muss einfach überzeugt um seine Chance kämpfen. Der Platz ist da, und wer, wenn nicht wir als junge Menschen, hat die Chance etwas zu verändern, wenn auch nicht sofort? Ich möchte allen Mut machen, mit ihren Ideen und Vorhaben - auch wenn man es sich im ersten Moment vielleicht selber gar nicht so sehr zutraut - rauszugehen und sein Ding durchzuziehen. Es darf einem nicht unangenehm sein, auch das zehnte Mal irgendwo anzurufen und um Unterstützung zu bitten. Wer Hilfe in Filmangelegenheiten braucht - bei mir kommt Ihr sicherlich vor dem zehnten Mal durch ...
Kontakt
Daniel Bertram
Fontainestraße 17a
30519 Hannover
www.Seh-stumm.de