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5.1. Grundzüge des Familienlebensphasen-Ansatzes

Der demographisch orientierte Ansatz, durch welchen der Verlauf von Familien in verschiedene Lebensphasen gegliedert wird, hat in Deutschland noch nicht dieselbe Verbreitung und Anwendung gefunden, wie in den USA, wo er vor allem auch entwickelt wurde (vgl. z.B. Glick/Parke 1969; Hill/Rodgers 1967). Es soll deshalb zunächst eine kurze Einführung vorangestellt werden, vor allem um auf einige konzeptionelle Annahmen dieses Ansatzes hinzuweisen; eine eingehende Darstellung dieses Konzepts kann hier nicht geleistet werden; hierfür wird verwiesen auf Duvall (1977) und Aldous (1978).

Zentrale Annahme des Familienlebensphasen-Ansatzes ist, dass Familien in ihrem Verlauf sich verändern; diese Veränderungen in Familien gehen zurück auf die Differenzierung der Rollenstruktur, vor allem aber auf die altersabhängigen Aufgaben, die sich mit der Entwicklung der Kinder stellen.

Entsprechend einem normativen Familienverlauf durchlaufen Familien 8-9 unterscheidbare Lebensphasen; diese sind im einzelnen:

  • Phase I: Paare ohne Kinder

  • Phase II: Geburt des ersten Kindes, Kleinkindalter

  • Phase III: Familien mit Vorschulkindern

  • Phase IV: Familien mit Schulkindern

  • Phase V: Familien mit Jugendlichen

  • Phase VI: Familien mit jungen Erwachsenen

  • Phase VII: Familien in der Nachelternphase

  • Phase VIII: Alte Familien (nach dem Ausscheiden aus dem Beruf)

  • Phase IX: Tod eines Partners

Gegen diesen biographisch orientierten Ansatz wird etwa eingewandt, dass er weitgehend normativ und invariabel ist, mit ihm Abweichungen im Lebensablauf nicht erfasst werden können (unter dem Gesichtspunkt zunehmender Pluralität von Familienformen ist dieser Einwand besonders gewichtig); es ist auch anzunehmen, dass dieser Ansatz stark kulturabhängig ist, da er z.B. von einer "Kernfamilien"-Vorstellung und deren weitgehend eigenständiger Lebensform ausgeht.

Trotz dieser Einschränkungen erhält dieser Ansatz Bedeutung für die Familienbildung, wenn mit ihm weitere Annahmen verknüpft werden:

Jede Lebens- oder Entwicklungsphase stellt an die Familienmitglieder veränderte Aufgaben und Anforderungen.

Die Übergänge von einer Lebensphase zur nächsten sind durch Verhaltensunsicherheiten und verstärkte Belastungen gekennzeichnet; "alte" und neue Verhaltensformen bestehen nebeneinander, bis sich eine neue Verhaltenssicherheit und -routine herausgebildet hat. Diese verstärkten Belastungen und Verunsicherungen sind für einige Phasenübergänge empirisch gut belegt (vgl. auch 5.1.1).

Zusätzliche Annahmen beziehen sich zum einen darauf, dass zwischen dem Verhaltensniveau, auf dem ein Phasenübergang bewältigt wird, ein direkter Zusammenhang zur Bewältigung späterer Phasenübergänge hergestellt wird: Das jeweilige Bewältigungsniveau wird bei allen Phasenübergängen für die einzelnen Familien als gleich angenommen ("Linkage These").

Zum andern stellt der Ansatz auf die psychische Befindlichkeit der handelnden Individuen ab: die erfolgreiche Bewältigung eines Phasenübergangs führt zu einem Erfolgserlebnis und positiven Selbstbild, eine unbefriedigende Erfüllung oder ein Scheitern dagegen zu Misserfolgserlebnis, Unzufriedenheit ("unhappiness") und einem negativen Selbstbild. Dabei darf ein Minimalstandard nicht unterschritten werden, ohne gesellschaftliche Sanktionen und Interventionen zu riskieren.

Besonders wichtig erscheint die Konzeption des Familienlebenszyklus oder Familienlebensphasenansatzes für Familienbildung deshalb, weil sie

  • strukturelle Ansatzpunkte für besonders belastete Problemphasen und Aufgabenbereiche im Lebensverlauf von Familien liefert;

  • insbesondere für eine präventiv orientierte Familienbildung herangezogen werden kann;

  • Probleme und Krisen in den Phasenübergängen als strukturell bedingte und nicht als individuelle oder personelle Defizite versteht, was für die Betroffenen zu einer wesentlichen psychischen Entlastung führt, wenn ihnen ihre Konflikte und Probleme als strukturell bedingt vermittelt werden können.

Die weitergehenden Annahmen der "Linkage These", wonach ein lebenszeitlicher Zusammenhang in der Bewältigung der Phasenübergänge angenommen wird, ist zwar für jede Bildungs- und Sozialarbeit von großer Bedeutung, aber hierfür ist dieses Konzept noch nicht hinreichend ausgearbeitet und - vor allem - fehlen hierfür ausreichende empirische Belege.