Do 27.05.2010
Gewalt gegen Migrantinnen
40 Prozent der in der in 2004 veröffentlichten Studie "Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland" befragten Frauen gaben an, seit dem 16. Lebensjahr mindestens ein Mal Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt geworden zu sein. Eine Zusatzbefragung gibt Hinweise darauf, dass die Quote von Gewalterfahrungen bei Migrantinnen noch höher und die erlittene Gewalt auch öfter mit Verletzungen verbunden ist als bei deutschen Frauen. Besonders häufig erleben Flüchtlingsfrauen Gewalt. Die Ergebnisse der Zusatzbefragung sind aufgrund der kleinen Stichproben nicht repräsentativ, spiegeln aber dennoch Tendenzen der Gewaltbetroffenheit wider.
Die Daten dieser Untersuchung wurden 2008 in einer vergleichenden Sekundäranalyse "Gesundheit - Gewalt - Migration" vertieft ausgewertet. Ein zentrales Ergebnis ist, dass die gesundheitliche Höherbelastung der Migrantinnen nicht überwiegend auf deren höhere Gewaltbelastung zurückzuführen ist, sondern stärker mit anderen Variablen der Lebenssituation gekoppelt ist, wie der sozialen Lage, einem deutlich geringeren Bildungs- und Ausbildungsniveau, dem Mangel an gut abgesicherten beruflichen und sozialen Einbindungen sowie dem Fehlen eines vertrauensvollen, engen Beziehungsnetzes.
Eine Untersuchung von Interventionsprojekten gegen häusliche Gewalt in Deutschland zeigt, dass Migrantinnen durch Frauenhäuser und durch zugehende Beratungsangebote besser als durch andere Hilfsangebote erreicht werden. Vor allem das stationäre Schutzangebot in Frauenhäusern wird von Migrantinnen stark genutzt; für sie scheinen sich seltener andere Möglichkeiten zu bieten als für deutsche Frauen. Die neuen Beratungsformen der zugehenden Beratung haben sich sehr für Migrantinnen, insbesondere diejenigen mit geringen Deutschkenntnissen, bewährt. Die Mitarbeiterinnen dieser Beratungseinrichtungen werden von der Polizei bei Fällen häuslicher Gewalt informiert. Sie nehmen Kontakt mit den Betroffenen auf, beraten und begleiten sie im weiteren Verfahren. Die für das Beratungsgespräch erforderliche Übersetzung kann sehr viel einfacher organisiert werden, wenn die Nachfrage nach Beratung nicht unerwartet kommt, sondern der Zeitpunkt von der Beraterin bestimmt werden kann.
Die bestehenden Hilfe- und Unterstützungsmöglichkeiten sind nach Erkenntnissen aus den Studien gewaltbetroffenen Migrantinnen nur unzureichend bekannt. Fehlen Sprachkenntnisse, können die Angebote zudem von den betroffenen Migrantinnen nicht ausreichend genutzt werden. Deshalb ist gerade für Migrantinnen der Ausbau niedrigschwelliger, zugehender und anonymer Hilfsangebote wichtig. In diesem Bereich ist es auch erforderlich, gezielt mehrsprachige Öffentlichkeitsarbeit zu leisten.
Ärztinnen, Ärzte und Polizei sind oft die ersten Anlaufstellen, die Kenntnis von häuslicher Gewalt bekommen. Diese Berufsgruppen sollten weiterhin im Umgang mit ausländischen betroffenen Frauen geschult werden.
