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Mi 27.05.2015

"Durch Vorlesen entsteht ein schönes Gemeinschaftsgefühl"

Mirja Halm, 36 Jahre, ist Sozialpädagogin an der Grundschule Medinghoven und betreut den Übergang der Kinder vom Kindergarten zur Grundschule. In ihrem Vorleseprojekt lesen Grundschulkinder Bilderbücher im Kindergarten vor. Das Projekt wird von den Kindern so begeistert aufgenommen, dass die Schülerinnen und Schüler nun auch nachmittags freiwillig aus der Grundschule in der Kindergartengruppe zum Vorlesen vorbeikommen. Es gibt auch Flüchtlingskinder im Kindergarten und in der Grundschule, die dieses Angebot begeistert aufnehmen.

Wie sind Sie auf die Idee des Vorleseprojekts gekommen?

"Wir arbeiten als Grundschule sehr eng mit dem Familienzentrum zusammen, das sich mit uns in einem Gebäude befindet. Da viele Kinder aus dem Kindergarten im Anschluss zu uns in die Schule kommen, haben wir einen Kooperationskalender erstellt, der den Jahresablauf von Kindergarten und Grundschule strukturiert. Wir haben darin viele gemeinsame Aktivitäten festgehalten, wir gehen zum Beispiel gemeinsam in den Wald oder singen zusammen. Die Kinder aus dem Familienzentrum besuchen uns in der Schule, um die Lehrerinnen und Lehrer kennenzulernen, die Räumlichkeiten und die älteren Kinder. In diesem Zusammenhang haben wir festgelegt, dass wir uns mehrmals im Jahr gegenseitig Bücher und Geschichten vorlesen."

Was ist Ihre persönliche Motivation, sich dafür zu engagieren?

"Meine Aufgabe ist es unter anderem, den Kindern den Übergang vom Kindergarten in die Grundschule zu erleichtern. Wir versuchen die Kinder so früh wie möglich kennenzulernen und nahtlos an der Arbeit des Kindergartens anzuknüpfen und diese fortzuführen. Es ist einfach angenehm und effektiv, für alle einen gemeinsamen Entwicklungsweg zu beschreiten. Dabei spielt die Sprache und die Sprachentwicklung eine zentrale Rolle und wird deshalb vom gesamten Team aktiv unterstutzt."

Wie gewinnen Sie die Kinder zum Vorlesen? Was macht den Kindern Spaß dabei?

"Ich stelle den Kindern ein Buch vor oder lasse die Kinder selbst Bücher mitbringen. Ich lese das Buch vor und frage anschließend, wer Lust hat, das Buch im Kindergarten vorzulesen. Meist melden sich viele Kinder, sie erhalten von mir eine Kopie, um das Lesen zu üben. Nach ungefähr zwei Wochen kontrolliere ich, indem die Kinder mir ihre Kopie vorlesen, die Lesefähigkeit der einzelnen Schulkinder. Kinder, die ihren Text gut geübt haben, gehen mit in den Kindergarten und lesen dort vor. Meist sind die kleinen Vorleserinnen und Vorleser sehr aufgeregt, bevor es losgeht und auch währenddessen, aber danach sind sie total glücklich, weil sie anderen Kindern etwas Gutes getan haben. Ich habe sie gefragt, was macht euch so Spaß am Vorlesen und ihre Antworten waren vielschichtig und beeindruckend: 'Weil die Kindergartenkinder so gut zuhören', 'Weil die Kindergartenkinder dann etwas lernen', 'Weil ich mich dann wie eine Lehrerin fühle' oder 'Weil meine Geschwister auch im Kindergarten sind.'"

Wie könnte ein ähnliches Projekt für Flüchtlingskinder im Grundschulalter aussehen?

"Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es das Wichtigste ist, gerade für unsere Flüchtlingskinder, in dieser Gemeinschaft erst einmal mitzugehen und etwas Schönes zusammen zu erleben. Wir haben Flüchtlingskinder im Kindergarten und in der Grundschule, die das extrem positiv wahrnehmen. Manche verstehen nicht den vollständigen Inhalt, aber durch diese Aktion, an der wir alle teilhaben, entsteht ein schönes Gemeinschaftsgefühl. Wir verteilen Gegenstände und Bilder am Boden oder projizieren sie an die Wand, damit jeder sich beteiligen kann. Die Schulkinder stellen Fragen zu den Geschichten, manchmal wird passend zum Thema gebastelt. So entsteht auch nach der Vorlesezeit eine aktive Auseinandersetzung mit den Inhalten und zwischen den Kindern. Wir arbeiten zusätzlich mit dem Verband Binationaler Familien- und Partnerschaften zusammen. Hier kann man Vorleserinnen und Vorleser anfordern, die in der Herkunftssprache der Flüchtlingskinder lesen. So liest eine der Damen das Bilderbuch auf Kurdisch oder Arabisch vor und danach auf Deutsch. Das ist eine Sache, die man noch vertiefen könnte und die besonders den Flüchtlingskindern und allen Kindern mit Migrationshintergrund zugutekommt."

Was ist aus Ihrer Sicht wichtig, damit sich Flüchtlinge in ihrer Kommune willkommen geheißen fühlen?

"In unserer Schule herrscht eine Willkommenskultur, wir nehmen alle gerne auf, versuchen uns Zeit zu nehmen und zu vermitteln. Wir verweisen auf Hilfsangebote, die durch die Kommune bereitgestellt werden, wie zum Beispiel Sprachkurse. Das Wichtigste ist aber, das wir gegenüber den Flüchtlingen offen sind und versuchen, den Menschen zu helfen und sie zu unterstützen. Personell stoßen wir häufig an unsere Grenzen. Wünschenswert wäre mehr Zeit oder Personal, welches über Hilfeangebote, besonders im psychologischen Bereich, informiert ist und die Eltern enger begleitet."

Engagieren Sie sich!

Städte, Kommunen und ehrenamtlich organisierte Personen, die Bündnisse gründen wollen, können sich ab sofort bei der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung melden

Tel.: 030/2576 76 803

E-Mail: wbf@dkjs.de

Elternchance ist Kinderchance

elternchance.de

Das Bundesprogramm "Elternchance ist Kinderchance" bildet Elternbegleiterinnen und -begleiter aus, die Eltern in sozial benachteiligten Lebenslagen und Eltern mit Migrationshintergrund unterstützen und stärken.

Schwerpunkt-Kitas

fruehe-chancen.de

Das Bundesprogramm "Frühe Chancen: Schwerpunkt-Kitas Sprache & Integration" hat erfolgreich dazu beigetragen, sprachliche Bildung in rund 4000 Kindertageseinrichtungen zu verankern.