Mi 09.11.2011
Gastbeitrag von Kristina Schröder zu Zwangsverheiratungen
Zwangsverheiratungen sind in Deutschland seit diesem Jahr endlich ein eigener Straftatbestand mit besseren Opferschutzrechten. Aber die Wirklichkeit ist komplizierter als es das Gesetzbuch ahnen lässt. Jetzt gibt es erstmals eine grundlegende Studie dazu.
3.443 Fälle von Zwangsverheiratungen haben die Beratungsstellen in Deutschland für das Jahr 2008 registriert. Das Schlimme ist: Nur die Mutigen lassen sich beraten. Wer von Zwangsverheiratung bedroht ist und sich dagegen zur Wehr setzt, riskiert die Isolierung in der Familie. Und wer sich nicht nur wehrt, sondern dem Zwang durch Flucht entgeht, muss mit dem Abschied von jeglicher familiärer Bindung rechnen. Dem Verlust der Selbstbestimmung durch eine erzwungene Heirat steht also stets die Gefahr gegenüber, mit dem Ruf nach Hilfe sogleich den Anschluss an die eigene Familie zu verlieren. Das ist ein grausames Dilemma.
Die Dunkelziffer der unerreichbar Eingeschüchterten kann niemand verlässlich abschätzen. Aber wir wissen: Wer erst auf eine ausdrückliche Ansprache hin entsprechende Einrichtungen aufsucht, gehört eher zu den Jüngeren, geht vielfach noch zur Schule und hat häufig schlechte Deutschkenntnisse. Das sagt uns zweierlei. Erstens: Deutsche Sprachkenntnisse sind für Migrantenkinder nicht nur für den Alltag und die Berufsaussichten unerlässlich. Deutsche Sprachkenntnisse sind oft auch der Schlüssel zu einem selbstbestimmten, im wahrsten Wortsinne ungezwungenen Leben jenseits elterlicher Bevormundung. Zweitens: Zwangsverheiratungen müssen stärker schon in den Schulen zur Sprache gebracht werden. Drei Viertel der von der Studie erfassten Schulen hielten offenkundig Zwangsverheiratungen nicht für ein für ihren Alltag wichtiges Thema. Das muss sich dringend ändern.
Nach Angaben der Betroffenen sind 83,4 Prozent der Eltern Muslime, 9,5 Prozent gehören dem spezifisch kurdischen Jesidentum an. 3,4 Prozent sind Christen und 1,3 Prozent Hindus. Aus gutem Grund warnen viele Wissenschaftler vor zu kurzen und zu einfachen Kausalketten. Trotzdem darf uns der religiöse Aspekt nicht kalt lassen. Der Zusammenhang zwischen kulturellem Hintergrund und menschlichem Handeln ist eine soziologische Selbstverständlichkeit. Trotzdem wird dieser Zusammenhang in Hinblick auf den Islam oft verleugnet oder wegdefiniert. Angesichts des Streites, ob der Islam Teil des Problems ist oder nicht, wird leider völlig ausgeblendet, dass er auf jeden Fall Teil einer Lösung sein muss. Wir müssen erreichen, dass islamische Autoritäten in Deutschland es noch stärker als ihre Aufgabe begreifen, Zwangsverheiratungen zu verweigern und dagegen einzuschreiten.
Fast alle Betroffenen haben einen Migrationshintergrund. 23 Prozent sind in der Türkei geboren, 8 Prozent in Serbien, dem Kosovo oder Montenegro, jeweils 6 Prozent im Irak und in Afghanistan, 5 Prozent in Syrien, 3 Prozent in Marokko sowie jeweils 2 Prozent in Albanien, dem Libanon und Pakistan. Bei den Eltern ist die Türkei mit 44 Prozent das häufigste Herkunftsland.
Aber: 32 Prozent der Zwangsverheiratungs-Opfer sind in Deutschland zur Welt gekommen, und auch von den im Ausland Geborenen leben vier Fünftel schon fünf oder mehr Jahre in Deutschland. 44 Prozent besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft. Beide Parameter – eine lange Aufenthaltsdauer in Deutschland und die deutsche Staatsbürgerschaft – kommen in der Betroffenengruppe dermaßen oft vor, dass sie offenkundig nicht als zuverlässiger Gradmesser oder Motivationsverstärker für die gesellschaftspolitische Integration von Migranten in Frage kommen. Das sollte sich jeder klar machen, der etwa mit Debatten über die Doppelte Staatsbürgerschaft glaubt, die tatsächliche Identifikation von Zuwanderern mit deutschen Rechts- und Gesellschaftsnormen effektiv voranzubringen.
Gerne streitet man in Deutschland über den Unterschied von Integration und Assimilation. Wer sich mit Zwangsverheiratungen tiefer beschäftigt, wird einsehen müssen: Ganz egal, ob Zwangsverheiratungen letztlich familiär, kulturell, religiös oder sozial begründet sind – keine Begründung ist mit dem Menschenbild unseres Grundgesetzes zu vereinbaren. Manche traditionelle Wurzeln müssen endgültig durchtrennt werden, wenn man es ernst meint mit dem Angekommensein in Deutschland und der Anerkennung der Grundwerte und Rechtsnormen hier.
Zwei Drittel der von Zwangsverheiratung bedrohten oder betroffenen Personen haben schon in ihrer Erziehung Gewalt erfahren. Bei der Zwangsverheiratung selbst war mehr als die Hälfte körperlichen Angriffen ausgesetzt, 27 Prozent wurden mit Waffen oder Mord bedroht, 11 Prozent sexuell angegriffen oder belästigt. Der Zusammenhang zwischen Gewalt in den Familien und Zwangsverheiratung ist alarmierend. Völlig überraschend ist er freilich nicht, wenn wir uns Studien zu gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen in Erinnerung rufen. Auch deshalb bringen wir jetzt ein bundesweites Hilfstelefon "Gewalt gegen Frauen" auf den Weg. Die Politik kann aufrufen gegen Gewalt und Zwangsverheiratung. Betroffene sollen künftig Hilfe anrufen können, wenn ihnen Gewalt widerfährt oder Zwangsverheiratung droht – rund um die Uhr und mehrsprachig. Wenn alle diese Aufgabe begriffen haben, wird die Leitung Ende 2012 stehen. Zwangsverheiratungen wird es auch dann noch geben, aber die Fluchttür aus der familiären Gefangennahme wird deutlicher gekennzeichnet sein - durch ein Ohr, das zuhört, einen Mund, der Auswege beschreibt, und Hände, die helfen beim Kampf um das eigene freie Leben.
Der Gastbeitrag erschien am 8. November 2011 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".
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