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Di 11.10.2011

Kristina Schröder im Interview mit BILD am Sonntag

BILD am Sonntag befragte Bundesfamilienministerin Kristina Schröder zu den Themen Flexi-Quote, Betreuungsgeld und Ausbau von Kitaplätzen.

BILD am Sonntag: Frau Schröder, die Bundesregierung hat Halbzeit und Sie als Ministerin für Familie, Frauen, Jugend und Senioren auch. Was ist Ihr wichtigstes Anliegen für die zweite Hälfte der Legislaturperiode?

Kristina Schröder: Stärkung der Familien, die Unterstützung von Paaren mit Kinderwunsch und mehr Frauen in Führungspositionen. Ich will da aber keine starre Quote, die vom Stahlwerk bis zum Medienkonzern gleich ist. Mein Vorhaben ist: Die 30 größten Dax-Unternehmen müssen sich selbst eine Quote für Vorstand und Aufsichtsrat geben, zu deren Einhaltung sie dann auch gesetzlich verpflichtet sind.

BILD am Sonntag: Daimler-Chef Dieter Zetsche lehnt eine feste Quote mit der Begründung ab, er wisse gar nicht, wohin er alle Männer schicken soll. Hat er Ihnen schon mitgeteilt, welche freiwillige Frauenquote es bei Daimler geben soll?

Kristina Schröder: Ja, aber warten Sie es ab. Am Montag in einer Woche treffe ich mich mit den 30 größten Dax-Unternehmen. Dort erwarte ich, dass jeder Konzern für sich eigene Zielmarken für die Führungspositionen im gesamten Betrieb vorlegt. Wir werden also 30 verschiedene Quoten haben, deren Einhaltung dann auch öffentlich kontrolliert wird. Das ist verbindlicher als alles, was die letzten zehn Jahre zuvor passiert ist.

BILD am Sonntag: Wir dachten, Sie nennen als Ihr wichtigstes Projekt die Einführung eines Betreuungsgeldes. Die CSU beharrt darauf, dass es für Mütter, die keinen Kindergartenplatz in Anspruch nehmen, bis zum dritten Lebensjahr 150 Euro im Monat gibt. Können Sie der Schwesterpartei Hoffnung machen?

Kristina Schröder: Das Betreuungsgeld steht im Koalitionsvertrag. Das hat auch die Bundeskanzlerin gerade erst noch mal betont. Die Umsetzung wird Kraft und Mühe kosten. Eins ist für mich aber schon jetzt klar: Das Kriterium, dass nur diejenigen bedacht werden, die keinen Kitaplatz in Anspruch nehmen, funktioniert nicht. Stellen Sie sich vor: Jemand arbeitet Vollzeit in einer Führungsposition, kann sich eine private Kinderfrau leisten - warum soll diejenige Betreuungsgeld bekommen? Zugleich würde diejenige, die ihr Kind ein paar Stunden am Tag in eine Kita gibt und Teilzeit arbeitet, nichts bekommen. Nein, das halte ich nicht für zu Ende gedacht.

BILD am Sonntag: Wer soll denn künftig Anspruch auf Betreuungsgeld haben?

Kristina Schröder: Wir wollen Paare unterstützen, die auch nach der Elternzeit entweder ganz auf Erwerbstätigkeit verzichten oder sie stark reduzieren, um mit Teilzeit Familie und Beruf zu vereinbaren. Ich will verhindern, dass wir Teilzeitbeschäftigte gegen Hausfrauen ausspielen. Immerhin verzichten beide zugunsten der Familie auf Einkommen und berufliches Vorankommen. Ich bin für ein Modell, bei dem der Wunsch, fürs eigene Kind da zu sein, genauso anerkannt wird wie der Wunsch, nach dem ersten Jahr wieder über Teilzeit in den Beruf einzusteigen.

BILD am Sonntag: Wie lange sollen Eltern Betreuungsgeld erhalten?

Kristina Schröder: Ich finde, wir müssen angesichts der angespannten Haushaltslage eine gewisse Bescheidenheit an den Tag legen. Daher nehme ich erst einmal nur das zweite Lebensjahr in den Blick. Wenn wir das zum Wohle der Eltern schaffen, bin ich angesichts der Finanzlage schon sehr froh.

BILD am Sonntag: Wer als Elternteil arbeitet, braucht einen Kitaplatz für den Nachwuchs. Bis zum August 2013 soll es für 38 Prozent der unter Dreijährigen eine Betreuung geben. Können die Länder das Ziel einhalten?

Kristina Schröder: Das müssen die Länder, denn wir haben in der Großen Koalition einen Rechtsanspruch auf den Kitaplatz eingeführt. Der Bund hat vier Milliarden Euro zum Ausbau der Kitaplätze zur Verfügung gestellt, die Bundesländer haben ebenfalls vier Milliarden Euro versprochen. Aber einige Länder hinken bei der Finanzierung sehr hinterher.

BILD am Sonntag: Um welche Länder handelt es sich?

Kristina Schröder: Baden-Württemberg, Niedersachsen und Bremen sind die drei Schlusslichter, sie haben bislang quasi ausschließlich Bundesgeld an die Kommunen weitergeleitet. Wenn sich dort auch weiter nichts tut, werde ich mit den betroffenen Ministerpräsidenten das Gespräch suchen. Es kann ja nicht sein, dass die Bundesgelder fröhlich verbraucht werden und anschließend der Ausbau der Kinderbetreuung stockt, weil die Länder kein eigenes Geld bereitstellen.

BILD am Sonntag: Wie ernst nehmen Sie das Phänomen der Piraten?

Kristina Schröder: Ich kann jedem nur raten, Netzpolitik nicht als Gedöns abzutun. Das Internet verändert unser aller Leben nachhaltig. Die Piraten selber haben bislang zu allen anderen Themen nichts zu bieten, was sie ja selber zugeben. Ich glaube noch nicht daran, dass die Piraten einen ähnlichen Weg gehen werden wie die Grünen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sie tatsächlich in den nächsten Bundestag kommen. Aber: Sie legen den Finger offensichtlich in eine Wunde der etablierten Parteien.

BILD am Sonntag: Anders als den Grünen ist den Piraten die Frage der Gleichberechtigung, der Beteiligung von Frauen an der Politik vollkommen egal. Was sagt die Frauenministerin dazu?

Kristina Schröder: Die Piraten behaupten, zwischen Männern und Frauen würden sie keinen Unterschied machen, den Konflikt hätten sie überwunden. Das klingt gut, aber: Die Lebenswirklichkeit zeigt leider, dass das falsch ist. Das Thema gleiche Chancen für Frauen und Männer ist noch nicht durch. In Berlin schicken die Piraten eine Frau und 14 Männer in den Landtag. So ein paar mehr Kaperschwestern unter den Piraten würden sicherlich nicht schaden. Aber das müssen die selber wissen.

BILD am Sonntag: Apple, Microsoft, Facebook wurden erfunden und gestaltet von Männern wie Steve Jobs, Bill Gates oder Mark Zuckerberg. Frauen haben mit der Erfindung des Internets so wenig zu tun wie mit der des Autos vor 130 Jahren - eine Katastrophe für den Gedanken der Gleichberechtigung?

Kristina Schröder: Ich bin erst einmal dankbar, dass es einen Kopf wie Steve Jobs gab - unabhängig von seinem Geschlecht. Aber eines stimmt mich wirklich nachdenklich, der nach wie vor sehr geringe Frauenanteil in den technischen Studienfächern. Deshalb sage ich allen Mädchen und jungen Frauen: Traut euch ran an die technischen Berufe, probiert die Zukunftsbranchen stärker aus. Wenn ihr es nicht macht, werden dort andere die Jobs besetzen.

BILD am Sonntag: Reicht ein Girls Day pro Jahr als Maßnahme aus?

Kristina Schröder: Sicher nicht. Ich gehöre aber auch nicht zu denen, die davon träumen, dass es künftig 50 Prozent weibliche Elektrotechniker gibt. Dazu wird es nicht kommen, und das finde ich auch nicht schlimm. Denn im Schnitt sind Männer und Frauen nun einmal unterschiedlich. Und staatliche Umerziehungsprogramme kann eben so wenig jemand wollen wie Frauenquoten an IT-Studiengängen. Aber wir müssen sicherstellen, dass die Mädchen und Frauen, die Elektrotechniker werden wollen, dort dieselben Chancen haben wie Männer.

BILD am Sonntag: Zementiert die Bedeutungslosigkeit von Frauen für die wichtigsten Innovationen in der globalisierten Welt die Benachteiligung des weiblichen Geschlechts für die nächsten 100 Jahre?

Kristina Schröder: Nein, man muss das Auto nicht erfunden haben, um es fahren zu können. Erstens sind Frauen Internetnutzerinnen mit ziemlich viel Einfluss. Daran kommt kein männlicher Entwickler vorbei. Und zweitens müssen wir heute anfangen, die Frauenchancen von morgen auch zu ergreifen, statt nur über die Vergangenheit zu philosophieren. Wir müssen uns darum kümmern, dass Mädchen schon in der Schule die Möglichkeit bekommen, ihre Interessen und Talente zu entwickeln und zu leben. Derzeit ist es noch so, dass ein Mädchen, das Elektrotechniker werden will, sich im eigenen Umfeld häufig viele dumme Sprüche anhören muss. Das gilt für Jungen, die Erzieher in einer Kita werden wollen, übrigens auch. Das prägt natürlich und schreckt ab. Da kann jeder von uns im Alltag couragiert gegenhalten und die Welt ein Stück verändern.

BILD am Sonntag: Kann man mit Erziehung typische Geschlechterrollen überwinden oder spielen Jungs nun mal lieber mit Autos und Mädchen mit Puppen?

Kristina Schröder: Es war der große Irrtum des radikalen Feminismus der 70er-Jahre, dass man geglaubt hat, geschlechtsspezifisches Verhalten sei vor allem etwas von der Umwelt Anerzogenes, das man überwinden könne und müsse. Die Erfahrung lehrt Eltern: Das krasse Gegenteil ist der Fall. Die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen lassen sich nicht wegerziehen. Warum sollte man das auch versuchen?

Das Interview erschien am 9. Oktober in der BILD am Sonntag. Das Gespräch führten Michael Backhaus und Angelika Hellemann.