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Di 25.05.2010

Familienministerin Kristina Schröder im Interview mit dem "FOCUS"

FOCUS: Frau Schröder, sind Sie eigentlich auch Männer-Ministerin?

Kristina Schröder: Der Name meines Ministeriums gibt das zwar nicht her, ich bin für Familien, Senioren, Frauen und Jugend zuständig. Mittelalte, kinderlose Männer kommen da nicht vor. Aber auch diese Männer haben eine Familie, gründen vielleicht selbst eine oder gehören irgendwann zu den Senioren.

FOCUS: War Familienpolitik bisher zu einseitig auf die Frauen und Mütter ausgerichtet?

Kristina Schröder: Frauen stehen bei Familienfragen oft im Fokus. Das ist gut und richtig, aber wir dürfen die Männer nicht aus den Augen verlieren. Familienpolitik kann schließlich nicht ohne Männer funktionieren - genauso wie eine Familie ohne Vater meist schlechter dasteht. Frauen und Männer sind nun mal unterschiedlich.

FOCUS: Was macht für Sie einen guten Vater aus?

Kristina Schröder: Ein Vater unterstützt seine Familie nach seinen Kräften. Das kann die Gute-Nacht-Geschichte am Abend sein, das Fußballspiel am Wochenende - oder die Rundumversorgung im Alltag. Das muss jede Familie für sich entscheiden. Grundsätzlich gilt: Je mehr Zeit ein Vater mit seinen Kindern verbringen kann, desto besser. Wichtig ist, dass er sich diese Zeit überhaupt nimmt. Denn ein Vater macht nun einmal manches anders, spricht anders und spielt andere Spiele als die Mutter - und das ist auch wichtig.

FOCUS: Viele Väter wollen all das tun und aktiver am Familienleben teilnehmen. Gleichzeitig reiben sie sich an der schlechten Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wie können Sie als Politikerin da helfen?

Kristina Schröder: Mit den Partnermonaten bei der Elternzeit wurde ein Kulturwandel eingeleitet. Waren bis vor einigen Jahren erst drei Prozent bereit, zu Gunsten der Familie eine Auszeit zu nehmen, so sind es heute bereits 20 Prozent. Damit haben wir eine kritische Masse erreicht. Das sind nicht nur Schluffis, inzwischen nehmen auch Partner in Großkanzleien Vätermonate in Anspruch. Aus vielen Unternehmen höre ich außerdem, dass die althergebrachte Präsenzkultur - als gut gelten nur jene Mitarbeiter, die frühestens um 21 Uhr das Büro verlassen - auf dem Rückzug ist. Da ändert sich was. Nicht Geld, sondern Zeit ist die familienpolitische Leitwährung. Aber genau darum drehen sich viele Konflikte in den Familien, also Fragen wie: Wer holt jetzt das kranke Kind aus der Kita? Und wer bleibt mit ihm zu Hause? Wollen Sie da die Väter stärker in die Pflicht nehmen? Vorschreiben kann und will ich nichts. Aber ich will Vätern dazu verhelfen, dass auch sie wie die Mütter familiäre Verantwortung übernehmen können.

FOCUS: An welchem Familienbild richten Sie in einer Zeit des Zerfalls der klassischen Familie denn Ihre Politik aus?

Kristina Schröder: Familie wandelt sich. Aber man sollte das mit dem Zerfall auch nicht übertreiben. Der Zusammenhalt in den Familien ist nach wie vor sehr groß. Mehr als 80 Prozent der Kinder wachsen immer noch mit verheirateten Eltern auf. Die Ehe ist also nach wie vor der stabilste Rahmen für die Familie und hat deshalb die besondere Unterstützung des Staates verdient. Wir müssen uns aber davon verabschieden, ein bestimmtes Idealbild zu propagieren. Schließlich wachsen Kinder auch in nicht klassischen Familien durchaus behütet auf.

FOCUS: Und deshalb haben Sie auch Sympathie für eingetragene Lebenspartnerschaften . . .

Kristina Schröder: Ja, auch Homosexuelle übernehmen füreinander Verantwortung. Schwierig wird es bei der Adoption eines Kindes, denn da fehlt eben das jeweils andere Geschlecht. Das gilt natürlich auch für Alleinstehende - deshalb dürfen Homosexuelle bei Anträgen auf Adoption nicht schlechter gestellt werden als Alleinstehende.

FOCUS: Was tun Sie konkret für die modernen Väter?

Kristina Schröder: Zum Beispiel möchte ich die zwei Partnermonate auf vier ausdehnen und arbeite an einem Teil-Elterngeld, was jedem Elternteil ermöglichen würde, für zwölf Monate Teilzeit zu arbeiten.

FOCUS: Wären denn Teilzeitjobs für beide Eltern die Lösung schlechthin?

Kristina Schröder: Eine 30-Stunden-Arbeitswoche könnte für beide Partner nahezu ideal sein. 40 Stunden Arbeitszeit sind den meisten Eltern von kleinen Kindern zu viel, mit 20 Stunden katapultieren sie sich ins Karriere-Abseits. 30 Stunden würden den Bedürfnissen vieler Arbeitnehmer entgegenkommen und wären auch für Arbeitgeber attraktiv, weil sie damit gute Mitarbeiter halten können. Das ist auch für viele Männer interessanter.

FOCUS: Sind die Unternehmen daran interessiert?

Kristina Schröder: Definitiv. Ich starte demnächst eine Kampagne zusammen mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammer-Tag (DIHK). Unter dem Motto "Vollzeitnahe Teilzeitarbeit" wollen wir Unternehmen dafür gewinnen, beiden Elternteilen die Chance zu geben, für die Erziehung der Kinder eine gewisse Zeit beruflich kürzerzutreten. Das entspricht den Bedürfnissen vieler junger Eltern. Wir werben in Kommunen und bei den Handelskammern dafür. Noch liegt der Anteil der Väter, die Teilzeit arbeiten, bei ganzen fünf Prozent. In den Niederlanden dagegen sind es 24 Prozent, auch in Skandinavien geht es partnerschaftlicher zu.

FOCUS: Sind das Vorbilder?

Kristina Schröder: Das sind für mich Zukunftsmodelle. Generell benötigen wir in den Unternehmen mehr Verständnis für die familiären Aufgaben von Mitarbeitern, sei es bei der Kinderbetreuung, sei es bei der Pflege älterer Angehöriger. Und das gilt, betone ich, für Frauen wie für Männer. Ich werbe für mehr Rücksichtnahme. Meetings etwa müssen doch nicht unbedingt auf 19 Uhr angesetzt werden. Natürlich müssen Väter diese Freiräume auch selbst einfordern, etwa um einen Arzttermin mit dem Kind wahrzunehmen. Das sollte von Vorgesetzten ebenso akzeptiert werden wie die familiären Pflichten von Frauen, die ja schon länger für ihre Belange kämpfen. Arbeitgeber müssen lernen, dass jeder Bewerber - egal, ob Mann oder Frau - sich eventuell als Mutter oder Vater um die Familie kümmern will. Wenn das klar ist, haben Frauen auch keine Nachteile mehr.

FOCUS: Männer kommen aber bisher nur selten auf die Idee, bestimmte Leistungen einzufordern. Sie trauen sich oft nicht, zu dem besagten Arzttermin zu gehen oder mit dem kranken Kind zu Hause zu bleiben. Warum nicht?

Kristina Schröder: Auch da brauchen wir sicher noch mehr gute Vorbilder. Es darf nicht nur ein einsamer Mohikaner sein, der auf sein Recht pocht. Da muss sich in den Firmen noch viel ändern.

FOCUS: Frauen katapultieren sich mit ihren Teilzeitjobs oft ins Karriere-Aus. Nun auch die Männer?

Kristina Schröder: Das sehe ich nicht so. Außerdem ist es ein großes Bedürfnis vieler Eltern, zumindest in den ersten Jahren mehr Zeit mit dem Kind zu verbringen. Die meisten Unternehmen reagieren sehr positiv - und das im eigenen Interesse.

FOCUS: Wirklich? Sie preisen die Flexibilisierung, während es bei vielen Chefs noch immer große Vorbehalte gegen Teilzeit gibt . . .

Kristina Schröder: Das glaube ich gar nicht. Oft arbeiten doch gerade Mütter und Väter in Teilzeit viel effizienter als ihre Vollzeit-Kollegen. Sie verzichten auf die eine oder andere Kaffee- oder Zigarettenpause. Sie surfen weniger im Internet und hocken nicht bis ultimo im Büro, um hinterher zu klagen: Mensch, war das wieder anstrengend. Kurz: Sie haben weniger Zeit und gehen daher besonders effizient mit ihr um. Überhaupt würde ich sagen, Menschen, die Familie und Beruf in Einklang bringen müssen, sind wahre Organisationstalente. Sie verdienen großen Respekt und die volle Unterstützung ihrer Kollegen und Chefs. Ich bewundere, was Eltern alles koordinieren - nach dem Job noch das Hockeytraining des Sohnes und das Flötenvorspiel der Tochter.

FOCUS: Ist Ihr Ministerium ein familienfreundlicher Arbeitgeber - was ist da möglich?

Kristina Schröder: Wir gehen mit gutem Beispiel voran - alles andere wäre ja auch absurd. Das Bundesfamilienministerium ist ein sehr flexibler Arbeitgeber, wir bieten neben Telearbeit und Home-Office alle möglichen Arbeitszeitmodelle an und haben auch eine Mini-Kita im Haus. Diese Angebote nehmen auch immer mehr Väter in Anspruch. Der Staat muss als Arbeitgeber vorbildlich sein, aber ich fordere auch die Kirche und große Arbeitgeber wie Krankenhäuser zu mehr Flexibilität bei der Arbeitszeitgestaltung auf.

FOCUS: Neben den Vätern wollen Sie als Familienministerin nun auch die Jungen besser fördern. Warum ist das nötig?

Kristina Schröder: Die Jungen bekommen schlechtere Noten, bleiben häufiger sitzen und brechen die Schule öfter ab als Mädchen. Bund und Länder müssen genau überlegen, wie sie die Jungen genauso optimal fördern wie die Mädchen. Ein Grund für die Probleme von Jungen ist, dass Männer in Kitas und Grundschulen Mangelware sind. Das will ich ändern. Ich versuche, mehr Männer als Erzieher für die Kitas zu gewinnen. Oft heißt es ja, Männer wollten nicht Erzieher werden, weil der Job so schlecht bezahlt sei. Dabei verdient ein Kfz-Mechatroniker auch nicht mehr, aber das hat sich wohl noch nicht herumgesprochen.

FOCUS: Ist die Übermacht der Frauen in der Erziehung also schuld am Versagen allzu vieler männlicher Schüler?

Kristina Schröder: Nein, das stimmt so auch nicht. Fakt ist, dass Jungen oft in ihrem direkten Umfeld kein männliches Vorbild haben. In vielen Familien fehlt nach der Trennung oder Scheidung der Vater. Die Auswirkungen sind gravierend.

FOCUS: Ist unsere Pädagogik jungenfeindlich?

Kristina Schröder: Jedenfalls sollten wir sie kritisch analysieren, denn möglicherweise ist sie stärker an den Bedürfnissen von meist doch eher braven, stillen Mädchen ausgerichtet als an denen von oft wesentlich frecheren, hibbeligeren Jungen. Man könnte zum Beispiel die Lernmaterialien modernisieren, um Jungen mit Inhalten etwa aus dem Technikbereich zum Lesen und Lernen anzuregen. Jungen haben nun mal andere Interessen als Mädchen, das sollten auch Lehrerinnen zur Kenntnis nehmen. Auch der Sport könnte eine größere Rolle im Unterricht spielen - damit sich die Jungs richtig austoben können.

Quelle: FOCUS 21/10 vom 22. Mai 2010. Das Interview führten Kayhan Özgenc und Ulrike Plewnia.