Mi 09.11.2011
Bundesfamilienministerin stellt Studie zur Zwangsverheiratung vor
Zum Problem Zwangsverheiratung gab es bislang nur wenige wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse in Deutschland. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat deshalb die Studie "Zwangsverheiratung in Deutschland - Anzahl und Analyse von Beratungsfällen" in Auftrag gegeben, in der erstmals bundesweit die Erkenntnisse von Beratungseinrichtungen über Menschen, die von Zwangsverheiratung bedroht oder betroffen sind, erhoben und systematisch ausgewertet werden. Die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Kristina Schröder, hat die Studie heute (Mittwoch) der Beauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Prof. Dr. Maria Böhmer, übergeben.
"Wer seine eigenen Kinder gegen ihren Willen zu einer Heirat mit jemand Ungeliebten oder sogar Wildfremden zwingt, tut ihnen brutale Gewalt an", erklärt Bundesfamilienministerin Kristina Schröder. "Wer von Zwangsverheiratung bedroht ist und sich dagegen zur Wehr setzt, riskiert die Isolierung innerhalb der Familie. Und wer sich nicht nur wehrt, sondern dem Zwang durch Flucht entgeht, muss mit der zeitweisen oder sogar völligen Kappung jeglicher familiärer Anbindung rechnen. Dem Verlust der Selbstbestimmung durch eine erzwungene Heirat steht also immer die Gefahr gegenüber, mit dem Ruf nach Hilfe automatisch den Anschluss an die eigene Familie zu verlieren. Das ist ein grausames Dilemma. Wir können und müssen etwas gegen die Einschüchterung und das Leid der Opfer tun, indem wir von bloßen Hilfsangeboten Stück für Stück weiter kommen hin zu mehr aktiven, Mut machenden Hilfsinitiativen."
Staatsministerin Maria Böhmer: "Die Studie zeigt deutlich: Unsere gesetzlichen Regelungen im Kampf gegen Zwangsverheiratungen waren richtig und notwendig. In zahlreichen Fällen werden die Betroffenen zur Zwangsheirat ins Ausland verschleppt. Umso wichtiger war die Verlängerung des Rückkehrrechts auf bis zu 10 Jahre, für das ich mich mit großem Nachdruck eingesetzt habe.Die Botschaft lautet: Wir lassen die Mädchen und jungen Frauen, die in Deutschland aufgewachsen und zur Schule gegangen sind, nicht allein. Nach den gesetzlichen Maßnahmen gilt es jetzt, niedrigschwellige Hilfsangebote auszubauen und die Zahl der Beratungsstellen zu erhöhen. Zugleich sind die Herkunftsländer gefordert, ebenfalls mit ganzer Kraft gegen die schwere Menschenrechtsverletzung der Zwangsheirat vorzugehen", betonte Staatsministerin Böhmer.
Die Studie "Zwangsverheiratung in Deutschland" beruht auf der Befragung von Expertinnen und Experten in Beratungs- und Schutzeinrichtungen in ganz Deutschland. An einer anschließenden Dokumentation individueller Beratungsfälle nahmen rund 100 Beratungsstellen teil. Zusätzlich wurden Untersuchungen in Schulen, Integrationszentren, Einrichtungen der Jugendhilfe und bei Migrantenselbstorganisationen durchgeführt.
Zentrale Ergebnisse der Studie:
Wegen der großen Dunkelziffer kann auch diese Studie keine Hinweise darauf geben, wie viele Fälle von Zwangsehen es in Deutschland gibt. Für die Untersuchung wurden im Jahr 2008 insgesamt 3.443 von Zwangsverheiratung Betroffene in 830 Beratungsstellen erfasst. Rund 60 Prozent von ihnen drohte eine Zwangsehe, bei 40 Prozent war die Zwangsehe bereits vollzogen. Ein Teil der Betroffenen wurde dabei mehrfach erfasst, da schätzungsweise zwischen 14 und 43 Prozent der Betroffenen mehrere Einrichtungen aufgesucht haben.
Durchgeführt wurde die Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von einem Konsortium, geführt von der Lawaetz-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Büro Torsten Schaak und TERRE DES FEMMES, Berlin.