Berlin
Es gilt das gesprochene Wort.
Herr Präsident!
Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Es gibt eine Frage, mit der viele Frauen sich früher oder später konfrontiert sehen, sei es im Vorstellungsgespräch, beim Wiedereinstieg oder als gestandene Führungskraft. Diese Frage kommt gerne in Kombination mit hochgezogenen Augenbrauen daher, und sie lautet: Wie machen Sie das eigentlich mit Ihrem Kind?
Jede berufstätige Mutter, die ich kenne, hat diese Frage in ihrem Leben schon einmal gehört und sich darüber geärgert, zum einen, weil diese Frage Vätern fast nie gestellt wird, zum anderen aber auch, weil der Subtext dieser Frage lautet: Sie sind doch jetzt mit diesem Handicap nicht mehr leistungsfähig.
Die banale Frage "Wie machen Sie das eigentlich mit Ihrem Kind?" sagt deshalb viel über die Gründe von ungleich verteilten Chancen von Frauen und Männern in unserer Gesellschaft aus. Wir haben eine Arbeitswelt, in der Leistungsfähigkeit mit uneingeschränkter Verfügbarkeit gleichgesetzt wird. Das ist einer der wesentlichen Gründe dafür, warum Frauen in den Top-Führungspositionen immer noch deutlich unterrepräsentiert sind und warum Frauen im Durchschnitt 22 Prozent weniger verdienen als Männer. Wir reden also über ein kulturelles Problem.
Faire Chancen haben viel zu tun mit der Art, wie Leistung im Unternehmen definiert wird und wie Arbeit koordiniert wird. Sie haben mit der Frage zu tun, ob Präsenz belohnt wird oder ob Effizienz belohnt wird, ob Meetings in der Regel vor 17 Uhr stattfinden oder nach 19 Uhr und ob auch in Führungspositionen Teilzeitarbeit möglich ist. Faire Chancen haben also viel zu tun mit einer Arbeitskultur des Respekts vor familiärer Verantwortung. Das muss unsere Botschaft zum 102. Internationalen Frauentag sein, meine Damen und Herren.
Wie hoch der Preis ist, den Frauen zurzeit für familiäre Fürsorge zahlen, kann man ganz einfach an den Gehaltsstatistiken des Statistischen Bundesamtes ablesen. Berufseinsteigerinnen verdienen etwa genauso viel wie Berufseinsteiger. Die Lücke beträgt 2 Prozent. Bei den 25- bis 29-Jährigen beträgt die Lücke dann schon 8 Prozent, und bei den 35- bis 39-Jährigen liegt sie dann bei über 20 Prozent.
Diese Zahlen sagen nicht, dass Frauen in den gleichen Berufen und Positionen prinzipiell schlechter bezahlt werden als Männer. Es handelt sich um Durchschnittswerte für alle berufstätigen Frauen und Männer unabhängig von der Qualifikation, der Berufserfahrung, der Position und der Ausbildung.
Ein erheblicher Teil der Lohnlücke von 22 Prozent erklärt sich dadurch, dass Frauen und Männer unterschiedliche Studienfächer und unterschiedliche Ausbildungsberufe wählen: Über 70 Prozent der Studienanfänger in den Kultur- und Sprachwissenschaften sind weiblich, während der Frauenanteil in den Ingenieurwissenschaften bei 20 Prozent liegt. Das wirkt sich natürlich auch auf die Durchschnittsgehälter aus: Ein Ingenieur wird in der Regel besser bezahlt als eine Germanistin - eine Ingenieurin aber auch.
Was man an den Durchschnittszahlen aber ablesen kann, ist eine der wesentlichen Ursachen für schlechtere Einkommensperspektiven von Frauen: Dass Frauen im Durchschnitt schlechter bezahlt werden, hat vor allen Dingen damit zu tun, dass sie Mütter sind oder Mütter werden könnten. Ein Entgeltgleichheitsgesetz, wie SPD und Grüne es fordern, geht deswegen nach meiner Überzeugung völlig an den Problemen vorbei.
Das Problem vieler Frauen ist doch, dass sie, wenn sie einmal im Job pausiert haben oder wenn sie Teilzeit arbeiten wollen, gar keine gleichwertigen Aufgaben mehr bekommen. Zeit für Familie wird bestraft mit schlechteren Chancen; das ist die Ungerechtigkeit, und da müssen wir an die Ursachen ran.
Zum einen müssen wir sicherstellen, dass alle Mütter und Väter, die arbeiten wollen, gute Betreuung für ihr Kind bekommen; denn eines ist völlig klar: Familie und Beruf gehen nur dort zusammen, wo es ausreichend Kitaplätze gibt. Letzte Woche hat der Landkreistag ganz aktuelle Zahlen vorgelegt, die zeigen, dass die meisten Landkreise rechtzeitig zum Inkrafttreten des Rechtsanspruchs den Bedarf an Kitaplätzen decken werden. Probleme haben diejenigen Großstädte, die das Thema zu lange vor sich hergeschoben haben. Aber auch hier wird der Bund alles tun, um diesen Städten beim Aufholen zu helfen.
Zum anderen brauchen wir aber auch Veränderungen in der Arbeitswelt, die Frauen den Weg nach oben ebnen. Die DAX-30-Unternehmen haben daher, auf meine Initiative hin, individuelle Ziele für den Frauenanteil in Führungspositionen beschlossen, und zwar für alle Führungspositionen. Wenn diese Ziele umgesetzt werden, dann wird das allein in den DAX-30-Unternehmen 5.400 Frauen den Weg in Führungspositionen ebnen.
Die Unternehmen müssen sich daran messen lassen, an ihren eigenen Zielen, aber auch an den Zielen anderer Unternehmen derselben Branche. Sie müssen diese Ziele rechtfertigen: vor der eigenen Belegschaft, vor dem eigenen Betriebsrat, vor einer kritischen Öffentlichkeit. Mir sagen viele Personaler, dass genau dieses öffentliche Rechtfertigen-Müssen, dieser Druck, diese Transparenz die Veränderungen in Gang setzen, die dringend notwendig sind.
Neben der Politik und den einzelnen Unternehmen stehen aber auch die Tarifpartner in der Verantwortung, meine Damen und Herren, für faire Chancen und gleiche Einkommen zu sorgen.
Wichtig ist zum einen, sich bei Tarifverhandlungen nicht einseitig am typisch männlichen Lebensmodell mit der Vollzeiterwerbsbiografie zu orientieren. Zum anderen brauchen wir aber auch dringend eine Neubewertung typischer Frauenberufe. Männertypische Berufe werden vielfach deshalb besser bezahlt als frauentypische Berufe, weil besondere Belastungen anders gewichtet werden. Bei Müllmännern zum Beispiel ist das Heben schwerer Lasten ein Kriterium für die Arbeitsplatzbewertung - das ist auch richtig so; bei Pflegeberufen, die vor allen Dingen von Frauen ausgeübt werden, ist das jedoch nicht der Fall, obwohl zur körperlichen Belastung oft auch noch die psychische Belastung hinzukommt. Wir brauchen Verfahren für geschlechtergerechte Lohnfindung. Frauen verdienen mehr; das gilt für viele frauentypische Berufe.
Gleichberechtigung und faire Chancen für Frauen zu fördern, bleibt eine wichtige Aufgabe, meine Damen und Herren. Bei allen Meinungsverschiedenheiten über die Wahl der Mittel sollten wir gerade im Hinblick auf den Internationalen Frauentag nicht vergessen, dass uns auch etwas eint: Wir alle streiten für eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer dieselben Chancen haben.
Dieser Streit ist kein erstarrtes Frauentagsritual, sondern ein produktives Ringen um den besten Weg. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass unsere Töchter, aber auch unsere Söhne davon profitieren werden.
Herzlichen Dank.